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  • Kritik: Vergewaltigung als Liebesakt

    "Kleist hat uns sehr geholfen"

    Die Love Parade in Berlin ist der Ausgangspunkt des Films "Julietta" von dem Regisseur und Autor Christoph Stark. Die Dreiecksgeschichte um die 1980 geborene Hauptdarstellerin Lavinia Wilson als in der Titelrolle ist seiner Ansicht nach aber kein Jugendporträt. "Hier geht es um eine Liebesgeschichte", meint Stark.

    Eine Liebesgeschichte mit höchst fragwürdiger Botschaft ist der erste Kinofilm des Regisseurs in der Tat. Die Abiturientin nimmt mit ihrem Freund Jiri zusammen Ecstasy, verliert ihn im Gewühl der Love Parade und ertrinkt im Rausch beinahe in einem Brunnen. Der DJ Max rettet sie erst und vergewaltigt dann die bewusstlose Julietta, die einige Wochen später ihre Schwangerschaft bemerkt. Im Pressetext und auf der Homepage heißt es, verharmlosend: "In einem für ihn unwirklichen Moment zwischen Nacht und Morgen schläft er mit ihr, während sie noch immer bewusstlos ist."

    17 Drehbuchfassungen entstanden, bis von Juli 2000 an gefilmt wurde. "Das Hauptproblem bestand natürlich darin, den Max zu führen", beschreibt Stark die Arbeit am Script, "überhaupt es zu schaffen, ihn wieder sympathisch darstellen zu können." Dass Julietta sich unwissend in ihren Vergewaltiger verliebt, solle die Vergewaltigung nicht verharmlosen. Aber Stark besteht darauf, dass diese im Film "auch ein Liebesakt ist".

    Lavinia Wilson, die bereits in Marco Petrys Produktion "Schule" mitspielte, war 18 Jahre alt, als sie das Drehbuch bekam. "Es war eine sehr nervenaufreibende, intensive Arbeit", sagt sie über den Dreh. Die von ihr dargestellte Figur beschreibt sie als ein "kleines Dornröschen, das am Ende ein bisschen wachgeküsst wird". Der Film erzählt eine "Initiationsgeschichte", wie der Autor sagt, die durch sexuelle Gewalt in Gang gesetzt wird. Starks Frauen werden in sexy Dessous vergewaltigt, werden mit Kind sitzen gelassen und schließen sich auf dem Klo ein, wenn es Ärger gibt. Die Männer rufen im Unterhemd über den alternativ-idyllischen Hinterhof am Prenzlauer Berg: "He Maestro, haste'n paar Bier am Start?"

    Der aufwendigste Dreh des Films mit sechs Kameras fand auf der Love Parade statt, die allerdings nicht im Zentrum der Story steht. "Julietta" verweist auf eine literarische Vorlage. In Heinrich von Kleists 1808 entstandener Novelle "Die Marquise von O..." überwindet eine Witwe die Schande einer unehelichen Schwangerschaft, indem sie den Kindsvater und Vergewaltiger heiratet. Die an seiner Geschichte zweifelnden Filmförderer hat Stark mit dem Hinweis auf den Klassiker überzeugt: "Kleist hat uns sehr geholfen, dass es das schon gibt und die Geschichte schon sehr alt ist."

    AUTOR, dpa

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