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  • Kritik: Verbitterte alte Frau und ein Straßenkind

    Ein armer Waisenjunge bringt in einer abgestumpften alten Frau mütterliche Gefühle wieder zum Vorschein; das klingt nach rührender Weihnachtsgeschichte wie die vom "kleinen Lord". Doch der brasilianische Film "Central Station", der an Heiligabend in die deutschen Kinos kommt, ist gar nicht sentimental. Und dennoch läßt das im dokumentarischen Stil gedrehte Roadmovie mit dem neunjährigen Josue und der ehemaligen Lehrerin Dora viele Zuschauer am Ende tief bewegt zurück.

    Ist schon eine ungeschminkte Filmheldin mit Falten eine Überraschung im Kino, so muß Dora geradezu schockierend wirken. Die 67jährige bietet in der Bahnhofshalle von Rio de Janeiro Analphabeten ihre Dienste als Briefschreiberin an. Die Menschen sind ihr völlig gleichgültig; sie braucht das Geld zum Lebensunterhalt. Am Abend amüsiert sich Dora gemeinsam mit ihrer ebenfalls alleinstehenden Nachbarin über die Geschichten, die sie aufgeschrieben hat. Je nach Laune entscheiden die beiden, ob der Brief abgeschickt wird oder in einer Schublade verschwindet.

    Unter den vielen, die liegenbleiben, ist auch der Brief einer Frau, die Kontakt zum Vater ihres Sohns aufnehmen will. "Du bist das Schlimmste, was mir je begegnet ist", hat sie Dora diktiert, aber der neunjährige Josue wolle ihn unbedingt kennenlernen. Kurz darauf verunglückt Josues Mutter tödlich. Der Neunjährige steht völlig allein da und wendet sich an Dora, um die Adresse seines Vaters zu bekommen. Sie wehrt das weinend vor ihr sitzende Kind mit harschen Worten ab. Dann kommt sie auf die Idee, daß sie mit dem Jungen schnell zu Geld kommen könnte. Für das Geld, das sie von einer dubiosen Adoptionsvermittlung kassiert, kauft sie sich einen neuen Fernseher.

    Überraschend meldet sich ihr Gewissen, und sie holt den Jungen zurück. Er beschimpft sie als Lügnerin und häßliche alte Frau, doch sie will ihm nun helfen, den Vater zu finden. Ihre ungewöhnliche Reise über Tausende von Kilometern zum unzugänglichen Nordosten Brasiliens beginnt. Ganz allmählich überwinden sie ihre gegenseitige Abneigung.

    "Central do Brasil", wie der Originaltitel lautet, ist bei den diesjährigen Berliner Filmfestspielen mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Hauptdarstellerin Fernanda Montenegro bekam den Silbernen Bären. Ihr wahrhaftiges und intensives Rollenspiel, das Mut zur Häßlichkeit einschließt, trägt den Film. Besonders haften bleibt Doras Begegnung mit einem mitmenschlich wirkenden Lastwagenfahrer, dem sie erst zögernd, dann voller Hoffnung Zuneigung entgegenbringt.

    Für die Rolle des Josue hatte Regisseur Walter Salles ein richtiges Straßenkind, einen Schuhputzerjungen, gefunden. "Mir gefiel sein Gesicht und die Würde in seinem Blick", berichtete der 44jährige. Der neunjährige Vinicius de Oliveira erwies sich als Glücksfall; der schöne Junge hat vor der Kamera eine starke, unmittelbare Präsenz und Ausstrahlungskraft. Er verkörpert die Unschuld und die Zukunft.

    Hinzu kommt eine reiche Bildersprache, aus der wie nebenbei die Probleme Brasiliens mit Übervölkerung, Armut und Landflucht aufscheinen. Wunderschön und anrührend setzt Salles religiöse Metaphern in Szene: Wenn der Junge die schlafende Dora in seine Arme nimmt und beschützt, sieht man die umgekehrte Pieta. Eine Lichterprozession leuchtet überirdisch, und zugleich wirkt das Gedränge beängstigend.

    Für Salles gehört das alles zur Suche Brasiliens nach seinen Wurzeln. Er sagte, vor allem wolle er den Wunsch vermitteln, "daß die Menschen kommunizieren sollen". Dora führe am Anfang ein so zynisches, selbstbezogenes Leben, daß sie nichts mehr mit anderen teilen könne, erklärte der Regisseur. Darin berührt der Film auch die Orientierungslosigkeit der Menschen in Wohlstandsgesellschaften. Indem er eine Antwort gibt, die - einfach wie wahr - Freundschaft und gegenseitiges Verständnis heißt, ist der Film doch eine passende Weihnachtsgeschichte.

    Inge Treichel, AP

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