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  • Kritik: Vater-Sohn-Geschichte aus der politischen Wendezeit

    Frankfurt/M (AP) Mit einem großen Loch im Strumpf sitzt der Prager Musiker Frantisek Louka hinter seinem Cello. Der 55jährige spielt mit ein paar Kollegen auf der Empore eines Krematoriums Trauermusik. In einer Spielpause geht sein Cellobogen auf Abwege - unter den Rock der Sängerin, deren Stimme koloraturartig ausrutscht. Die Anfangsszene des tschechischen Films "Kolya" charakterisiert ohne ein einziges Dialogwort den Typus der Hauptperson, eines Tschechen, der einmal bessere Tage gesehen hat, sich nun mit lausigen Engagements durchschlägt und mit der Gewißheit seiner Wirkung bei Frauen direkt zur Sache geht.

    Der Film spielt im Jahr 1988, als die russischen Soldaten noch im Land waren und politische Pressionen zum Alltag gehörten. Louka wurde aus der Philharmonie gefeuert, weil er eine kecke Antwort auf einen offiziellen Fragebogen geschrieben hatte. Das erzählt er mit humorvoller Gelassenheit; er hat sich mit den Umständen arrangiert. In seiner Wohnung unter dem Dach eines alten Turms, vor dessen Fenstern Tauben gurren, empfängt er ab und zu junge Frauen, die seinem Junggesellendasein nicht gefährlich werden können.

    Bald soll sich sein Leben gründlich ändern. Wegen seiner chronischen Geldnot geht er trotz großer Bedenken auf das Angebot eines Bekannten ein, eine Scheinehe mit einer Russin einzugehen. Die junge Frau setzt sich jedoch bei nächster Gelegenheit nach Deutschland ab und läßt ihren fünfjährigen Sohn Kolya bei ihrer Mutter in Prag zurück. Die Großmutter kommt kurz darauf mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus, und man bringt den Jungen zu Louka.

    Das paßt dem Musiker ganz und gar nicht. Der kleine Russe spricht obendrein kein Wort Tschechisch, und Louka hat sich aus Prinzip geweigert, die Sprache der verhaßten Besatzer zu lernen. Doch die beiden gewöhnen sich aneinander. Der Vater wider Willen entwickelt Beschützerinstinkte für den Knirps, der so herzerweichend weinen und lachen kann. Ein Jahr später, 1989, ändert sich wieder alles: Die Demonstrationen auf dem Wenzelsplatz leiten das Ende des Sozialismus ein.

    Dem tschechischen Regisseur Jan Sverak ist mit "Kolya" ein Meisterwerk gelungen. Er bekam dafür in diesem Jahr den "Oscar" für den besten ausländischen Film. Die Geschichte der Vater-Sohn-Beziehung geht wirklich zu Herzen. Die Momente tiefer Gefühle, etwa wenn Kolya mit hohem Fieber im Bett liegt, brauchen keine Verstärkung durch kitschige Musik. Die Wahrhaftigkeit der Bilder läßt den gefällig glatten Stil gängiger Hollywood-Produktionen als grob und künstlich erscheinen.

    Die Eindruck der Authentizität entsteht natürlich in erster Linie aus der Schauspielkunst. Der 61jährige Zdenek Sverak, Vater des Regisseurs, hat als Drehbuchautor den Musiker Louka erfunden und spielt ihn auch. Die Auswahl des Kolya-Darstellers Andrej Chalimon, der in einem Moskauer Kindergarten entdeckt wurde, erwies sich als Glücksfall. Er habe so lebensecht gespielt, als ob es überhaupt kein Drehbuch gäbe, schwärmte der Regisseur.

    Große Könnerschaft zeigt der 32jährige mit seiner kunstvoll vielschichtigen Erzählweise, bei der er das Private und das Politische mit hintersinnigem Humor verbindet. So schimpft Louka, während er Kolya die winzigen Schuhe anzieht, daß die russischen Soldaten mit ihren derben Stiefeln in sein Land einmarschiert seien. Oder er erklärt ihm auf dem Campingplatz den lauten Gesang einer Gruppe mit einer Anspielung auf die politische Wende: "Ein paar Ostdeutsche feiern Geburtstag."

    Die humanistische Botschaft des Films ist universell. Und auch in der Versöhnlichkeit gegenüber den Russen, für die der kleine Kolya natürlich auch steht, zeigt er Größe.

    Von AP-Korrespondentin Inge Treichel

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