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  • Kritik: Unsentimentaler Realismus aus Belgien

    Ein Vater verkauft sein neugeborenes Baby für eine Hand voll Geld an Unbekannte - als kleine Meldung im «Vermischten» sorgen solche Taten nur für verständnisloses Kopfschütteln.

    Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne aus Belgien geben der Nachricht vom Rand der Gesellschaft in ihrem Film «L'enfant - Das Kind» eine Geschichte und Gesichter. Ihr packend unsentimentales Alltagsdrama wurde beim Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und ist auch für den Europäischen Filmpreis nominiert.

    «L'enfant» ist eine intensive Gesellschafts- und Charakterstudie. Die Dardennes, die schon einmal mit «Rosetta» die Goldene Palme gewonnen haben, erzählen die Geschichte eines jungen Mannes, der Vater wird, aber selbst viel zu unreif ist, um diese Rolle auch nur annähernd auszufüllen. «Das Kind» des Filmtitels ist nicht nur das Baby, das seinen Eltern «erwachsenes» Verhalten abverlangt, sondern auch der unreife Vater.

    Die Hauptfigur Bruno ist 20, ein Kleinkrimineller, der auf regelmäßige Arbeit pfeift. Dieser lockere Vorstadttyp mit Strubbelhaaren ist gar nicht mal unsympathisch. Er will Spaß, dreht ein krummes Ding nach dem anderen, lebt von der Hand in den Mund und bringt andere gedankenlos in Gefahr. Triebfeder in Brunos rastloser Suche nach dem schnellen Geld ist die Gier nach noch schnellerem Konsum. Der belgische Schauspieler Jérémie Renier spielt die schwierige Rolle völlig unangestrengt und absolut realistisch.

    Als seine 18 Jahre alte Freundin ein Kind bekommt und ein paar Tage im Krankenhaus bleibt, vermietet Bruno deren Wohnung und kauft sich und dem Mädchen schicke Lederjacken im Partnerlook. Dann verkauft er spontan auch das Baby an ihm völlig unbekannte Männer. «Wir können doch ein Neues machen», erklärt er seiner Freundin und winkt mit dem 5000-Euro-Bündel. Die Mutter bricht geschockt zusammen. In einer sehr unheimlichen Aktion bekommt er das Kind in einer dunklen Garage zurück. Nur langsam dämmert Bruno, dass an seiner Art zu leben etwas faul ist.

    Hollywood hätte aus diesem Stoff einen Thriller gedreht, mit gefühlsgeladenen Großaufnahmen eines süßen Säuglings, Gangstern und Verfolgungsjagden. Ganz anders die Brüder Dardenne, die als Dokumentarfilmer begonnen haben und ihren dokumentarischen Stil immer beibehalten haben. Sie vermeiden bei aller Sympathie für ihre Figuren jedes Pathos und gelten als unsentimentale Meister von Alltagsdramen, die unter die Haut gehen. Ihr bevorzugter Drehort ist die schäbig wirkende belgische Industriestadt Seraing. Sie verzichten auf oberflächliche Emotionen und Manipulation. Das Baby ist in ihrem neuen Werk kaum zu sehen, nichts lenkt von Bruno ab. Und da wird nichts beschönigt, aber auch nichts verdammt. Dieser Blick ohne (Vor)Urteil eröffnet Freiräume, die nicht zum anbiedernden Verständnis führen, sondern zum Verstehen eines Menschen in einer bestimmten Situation.

    Doch das Etikett «Sozialfilmer» akzeptieren die Brüder nicht. «Solche Label sind nie gut. Es ist immer das gleiche Problem für Filmemacher und ihre künstlerischen Werke. Da wird man schnell in eine Schublade gesteckt», sagte Jean-Pierre Dardenne in Cannes. «Wir hoffen, dass unser Film auch jenseits der politischen Etikettierung funktioniert und sein Publikum findet.» Zu wünschen wäre es ihm.

    dpa

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