40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Unbequeme Fragen zum Gewaltdrama von Potzlow
  • Kritik: Unbequeme Fragen zum Gewaltdrama von Potzlow

    Als die drei Jugendlichen Marco, Marinus und Marcel am 12. Juli 2002 mal wieder durch ihr Dorf Potzlow ziehen, ist die Langeweile groß und der Alkohol ein gern gesehener Begleiter. Sie trinken Schnaps, grölen herum. Aber es fehlt der richtige Kick. Kein Ausländer ist weit und breit.

    Nur ihr Kumpel Marinus, der stottert, HipHop-Hosen statt schwarzer Springerstiefel trägt und sich sogar als Jude ausgibt. Das willkommene Opfer für diesen Abend. Marinus muss ins Gras beißen, im wahrsten Sinne: Die Brüder Marco und Marcel prügeln den 16-Jährigen in dieser Nacht in einem Schweinestall zu Tode. Der Todesstoß kommt beim so genannten Bordsteinfressen: Den Mund geöffnet um eine Kante, ein anderer springt auf den Hinterkopf.

    Diesen widerlichen Kick im doppelten Sinne hat der herausragende Dokumentarfilmer Andres Veiel jetzt im Kammerspiel «Der Kick» thematisiert. Zuerst als Theaterstück in Berlin uraufgeführt, ist das Ganze nun auf der Leinwand zu sehen. Gespielt werden die knapp 20 im Stück auftretenden Personen von nur zwei Darstellern: Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch. Die wahre und zugleich grausame Tat wird nicht nachgestellt. Nur mit Worten und Mimiken wird erzählt, erklärt, befragt: Eltern, Freunde, Nachbarn, Bewährungshelfer, Staatsanwalt und natürlich die Täter selbst kommen zu Wort. Das ist auch ohne naturalistische Darstellung des Geschehenen erschreckend genug.

    Veiel, der neben der Nachwuchsregisseurin Tamara Milosevic («Zur falschen Zeit am falschen Ort») bereits der zweite Filmemacher ist, der sich des Falles annimmt, hat sich mit seinen preisgekrönten Dokumentarfilmen «Black Box BRD» und «Die Spielwütigen» als kritischer Regisseur einen Namen gemacht. Er hält drauf, mit Geduld und Konsequenz. Auch dieses Mal. Die Kamera von Jörg Jeshel, der auch bei «Black Box BRD» dabei war, nimmt die versteinerten Gesichter ins Visier, die Stammtisch-Mimik des Vaters der beiden Täter, die seelische Verletzung der Mutter des Toten - allesamt hervorragend verkörpert durch die beiden Schauspieler, die von der einen auf die andere Sekunde die Rollen wechseln.

    Die Inszenierung von Veiel und der Dramaturgin Gesine Schmidt verzichtet auf Masken, Kostüme und Bühnenbilder. Alles ist in puristischem Schwarz gehalten. Der Text, die Dialoge, die Monologe sind es, die zählen. Hier entsteht die Verknüpfung des Films mit dem Theater, ein reduktionistisches Wagnis, das nicht jeden überzeugen wird. Im Unterschied zum Theater kann zwar die Kamera minimale Bewegungen des Gesichts als Emotionen gezielt wiedergeben. Jenseits davon bleibt es aber doch eine Theaterinszenierung, die als solche gekonnt ist, aber als Film nicht darüber hinausgeht.

    So wie über die Form lässt sich auch über den Inhalt streiten. Denn am Ende ist der Zuschauer etwas ratlos. Sollten hier Antworten über die Auslöser der Tat gegeben werden? Die Umstände, die Umgebung, die Perspektivenlosigkeit der Jugendlichen aufgezeigt, die Täter selbst zu Opfern gemacht werden? Oder Schilderungen im Raum stehen gelassen werden, die bewusst keine Erklärungen bieten sollen, sondern schlichte Schilderungen einer grausamen Realität sind, die einmalig, aber doch wiederholbar erscheinen soll?

    Veiels Stärke liegt darin, den Spuren in den Biografien der Betroffenen auch Jahre nach der Tat und jenseits medialer Sensationsberichterstattung nachzugehen. Der Film gibt keine Entschuldigung, kein Verständnis, aber auch keine klare Täter-Opfer- Zuweisung. Das ist ein Verdienst, führen doch viele verschiedene Faktoren zu solch monströsem Verhalten. Zugleich ist es aber auch eine Schwäche des Films, nur auf Distanz zu bleiben.

    Susanne Schmetkamp, dpa

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Fabian Strunk

    Tel.: 0261 / 892 324

    Kontakt per E-Mail

     

     

    Fragen zum Abo: 0261 / 98 36 2000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Montag

    -4°C - 2°C
    Dienstag

    1°C - 3°C
    Mittwoch

    3°C - 6°C
    Donnerstag

    4°C - 8°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!