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  • Kritik: Umstrittener Film über soziale Ursachen von Gewalt

    Hamburg (dpa). Das Leben ist kein Kinderspiel. Es kann sogar, an manchen Orten dieser Welt, zum mörderischen Kampf werden. Und diese Orte liegen näher als man denken mag. Etwa in der "Cite", den Vororten von Paris, wo seit Jahren schon Unruhen und Straßenkämpfe zwiwchen der Polizei und einer desillusionierten Jugend Schlagzeilen machen. "Die Medien aber", sagt Regisseur Mathieu Kassovitz (28), "gehen nicht auf Lösungssuche, sie schlachten nur die gewinnträchtigen Themen Angst und Gewalt aus." Er selbst ist einen anderen Weg gegangen. Sein Film "Hass", in Frankreich von über zwei Millionen Besuchern gesehen, ist ein schonungsloser wie auch ohnmächtiger Blick auf den Status quo.

    Beim Festival in Cannes erhielt der Film über die Eskalation von Gewalt zwischen Desillusionierten, wütenden Jugendlichen und der Polizei den Regiepreis als beste junge Produktion. Die Hauptfiguren, der weiße Franzose Vinz (Vincent Cassel, Sohn von Jean-Pierre Cassel), der Schwarze Hubert (Hubert Kounde) und der Araber Said (Said Taghmaoui), fern der Teilnahme am französischen Wohlstand, besitzen als einzige Habe unendlich viel Zeit. Zeit zu schauen, sich den Tag mit Drogen zu verkürzen, den Fängen der Polizei zu entkommen. Zeit zu verzweifeln.

    "Zwei Monate lang haben wir uns in der Cite, am Place des Quatre Vents eingemietet", so Kassovitz, "dann ist langsam und behutsam dieser Film entstanden". Den er, trotz der Beteiligung "echter" Bewohner, keinesfalls eine Dokumentation nennen will: "Zwar sind fast alle Ereignisse wirklich geschehen, aber sobald du ein Drehbuch schreibst, treibst du fort von der Realität und lieferst Fiktionen."

    Und graumsame Bilder. Nach dem blutigen Finale verließen in Paris verstörte, wütende und aufgewühlte Zuschauer die Kinos, "aber das war, leider, auch schon die einzige Wirkung des Films", wie Kassovitz überraschend bemerkt. "Ich hatte mir erhofft, eine Revolution anzetteln zu können." Wie aber habe das funktionieren sollen, wenn nicht einmal die rüde Wirklichkeit die Leute zur Revolte treibe?

    Eine Revolte übrigens, die alles andere als der vielleicht vermutete Kampf der Nationalitäten wäre. Nicht umsonst hat Kassovitz sein Freundestrio multikulturell bestückt, "Frankreich ist schließlich nicht Deutschland. Die Leute in der Cite haben genügend Probleme, da müssen sie sich kein zusätzliches auf die Schultern laden!" Auch Said Taghmaoui teilt diese Einschätzung, "das Problem der Vorstädte ist letztlich ein Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie, bei der auch unsere kommunistische Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt - nicht als Ideologie, wohl aber im Hinblick auf ein Gefühl der Zusammengehörigkeit." Der Rassismus, so Hubert Kounde, "ist ein Ersatzproblem, für das Leute in wirklicher Not gar keine Zeit haben".

    Und wieviel Zeit bleibt Frankreichs Politikern, den Kreislauf der Gewalt zu stoppen? "Dazu", so Kassovitz, "müßten sie ja erstmal von der Empörung über die Symptome zum Nachdenken über etwaige Ursachen finden." Dabei könnte ihnen ein unverstellbarer Blick auf seine in schwarzweiß gedrehten Bilder wohl von Nutzen sein, "wenngleich ich hier, wie gesagt, keinen Unterricht geben oder gar Aufrufe zur Gegengewalt starten will." Ein Vorwurf, der seinem Film nicht erspart geblieben ist. Unsinn, wie er findet.

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