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  • Kritik: "Total Eclipse"

    Der Blick von einem fahrenden Schiff auf eine entfernt gelegene Insel wird immer wieder durch ein im Wind flatterndes Segel versperrt. Ein Symbol für das unglückliche Leben des genialischen Dichters Arthur Rimbaud, das im Jahre 1891 nach nur 37 Jahren durch einen Tumor am Knie ein jähes Ende findet. Die Insel der Glückseligkeit in weiter Ferne, die Reise dahin beschwerlich und voller Schwankungen, der Blick zum Ziel getrübt von den Widerständen des alltäglichen Lebens. Ein eigentlich schönes Bild, das die polnische Regisseurin Agnieszka Holland leitmotivisch für ihren neuesten Film "Total Eclipse" ausgewählt hat.

    Und doch steht es seltsam leer im Raum, weil es eine Beschäftigung mit der künstlerischen Tragik des Rimbaudschen Lebens, seines Mißverständnisses in den literarischen Zirkeln, vorgibt, die der Film letztendlich nicht einhält. "Total Eclipse" beschäftigt sich nämlich vorwiegend mit nur einer Episode aus Rimbauds kurzem, aber intensivem Leben: seiner unglücklichen Liebesbeziehung zu dem zehn Jahre älteren Schriftsteller-Kollegen Paul Verlaine.

    Den auf perfekter Symbiose aufgebauten künstlerischen Nährboden dieser Beziehung - Rimbaud inspiriert den ausgebrannten Verlaine, der treibt dafür die Karriere des Nachwuchs-Poeten an - mag man nicht so recht glauben, da Agnieszka Holland vor allem an Äußerlichkeiten die Divergenz der beiden Künstler und daran das Unverständnis des Dichter-Rebellen Rimbaud seitens der Gesellschaft aufzuweisen versucht.

    Rimbaud - so lernen wir in der zugegeben glänzenden Interpretation von Hollywood-Jung-Star Leonardo di Caprio - ist ein Rüpel, der bei Tische rülpst und auch einmal gerne auf selbigen steigt, um bei Verlaines Künstlerstammtisch der französischen Symbolisten auf das Manuskript eines angesehenen Gastautors zu urinieren. Außenseiter, Rebellen, künstlerische zumal, müssen eben so sein.

    Verlaine - auch er mit starker körperlicher Intensität von David Thewlis dargestellt - ist ein Außenseiter. Ausgemergelt, ausgehöhlt, der künstlerische Mißerfolg ist ihm ins Gesicht eingebrannt. Und die Liebe zu seiner Frau Mathilde (Romane Bohringer) entflammt nur noch, wenn er ihr aus Unachtsamkeit die Haare in Brand steckt.

    Die Zitate aus Rimbauds Gedichten wirken da nur noch aufgesetzt, wo die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übriglassenden Bilder schon zu stark geworden sind. Der Film tut letztlich nicht mehr, als die tragische Entwicklung dieser homosexuellen Liebe brav linear von Schauplatz zu Schauplatz durch ganz Europa nicht ohne voyeuristische Freude zu beobachten, und die an Explizität nicht gerade armen Liebesszenen mit pubertär anmutenden Problematiken - Verlaine liebt den Körper seiner Frau und die Seele von Rimbaud - zu intellektualisieren. Vom Künstler Rimbaud erfährt man dabei zu wenig.

    Der Blick von einer uninspiriert zwischen Künstler-Porträt und Liebes-Drama schwankenden Inszenierung auf den wahren, hier sehr entfernt liegenden Rimbaud wird durch die Freude an schöner, belangloser Oberflächlichkeit verstellt.

    "Total Eclipse" (Frankreich/Großbritannien/Belgien) 1995: 110 Minuten. Freigegeben ab zwölf Jahren. Startet mit 20 Kopien. Regie: Agnieszka Holland. Drehbuch: Christopher Hampton. Kamera: Yorgos Arvanitis. Musik: Jan A. P. Kaczmarek. Darsteller: Leonardo di Caprio, David Thewlis, Romane Bohringer, Dominique Blanc.

    Copyright: , 13.6.1996

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