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  • Kritik: Tom Tykwers "Winterschläfer" brauchen keine Realitäten

    Frankfurt/M (AP) Vier junge Menschen in einer Kleinstadt vor alpiner Bergkulisse: Die sensible Laura, die lieber Schauspielerin als Krankenschwester wäre; die hübsche blonde Rebecca, die von Übersetzungen lebt, aber noch auf ganz anderes wartet; der Aufreißer Marco, der den Skilehrer spielt, doch etwas verbirgt; der scheue Rene, der Filme vorführt und alles fotografiert, weil er so viel vergißt. Dazu ein eigenbrötlerischer Bergbauer, viel Schnee, eine Villa, Liebesleid und auch wenig lustvoller Sex.

    Den vier postmodernen Protagonisten in Tom Tykwers Kinodrama "Winterschläfer" geht es ganz ähnlich wie dem deutschen Film unserer Tage: Auf der Suche nach großen Gefühlen, eigenem Stil und neuen Wegen, aber stets im eigenen Saft landend, zu verzagt, ohne Leidenschaft, ohne Orientierung. Vielleicht hat Tykwer sogar eine Art Sittenbild mancher der heutigen 30jährigen geschaffen. Auf jeden Fall hat er mit seinem Film, der am 30. Oktober in den Kinos anläuft, bewiesen, daß er 124 Minuten die Leinwand bebildert kann, ohne etwas zu sagen zu haben.

    Der 32jährige Tykwer besitzt offenbar den Ehrgeiz, als einer der ersten zeitgenössischen deutschen Filmemacher "nach Autorensud und Komödiengezwitscher die Kurve zum ernstzunehmenden Kinoland" zu kriegen. Das ist ein löblicher Ehrgeiz, nun müssen nur noch die Filme her, die solche Ambitionen auch unter Beweis stellen. "Winterschläfer" indessen bleibt trotz eleganter Ausstattung, Cinemascope-Format und der interessanten Konfrontation zwischen kalkuliert überladenen Innenräumen und ausladenden Berglandschaften diesen Beweis schuldig.

    Der Grund ist einfach: Tykwer und seine Ko-Autorin Anne Francoise Pyszora haben keine Geschichte. Vielmehr soll der Film "das Klima für eine 'Idee vom Leben' schaffen", wie es etwas nebelhaft heißt. Und weiter: "Eher eine Stimmung, in der Möglichkeiten des Findens und Verlierens, des Abschieds und des Bleibens gezeigt werden." In Tykwers filmischen Stimmungsbild sind die gesellschaftliche Realitäten Deutschlands so gut wie ausgeblendet. Das macht die kunstvoll ausgeleuchteten Bilder samt den Verwicklungen der Akteure erschreckend leer und traurig.

    Zwei Stunden nur Stimmungen illustrieren, Zeitgefühl sinnlich erfahrbar machen, trotzdem aber den Betrachter in Spannung halten - damit wären auch bedeutendere Regisseure überfordert. Tykwer hat versucht, mit einer reichlich konstruierten Rahmenhandlung um einen Unfall und das Drama des Bergbauern ein bißchen Thrill ins Geschehen zu bringen. Aber das funktioniert nicht.

    Überzeugend und frisch hingegen das Spiel der beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen Floriane Daniel und Marie-Lou Sellem. Die Kinodebütantin Daniel erinnert an die junge Sabine Sinjen, sie möchte man öfter sehen. Der kräftige Heino Ferch spielt den Aufreißer mit sensiblen Untertönen. Ulrich Matthes, einer der besten Bühnendarsteller Deutschlands, sucht auch nach "Winterschläfer" noch nach der großen Rolle. Sie stände niemandem mehr zu als ihm. Der Urbayer Josef Bierbichler gibt dem Bergbauer Profil, mehr vermag selbst er nicht. "Winterschläfer" läßt interessante deutsche Filme erahnen. Das ist viel und doch zu wenig.

    Von AP-Korrespondent Wolfgang Hübner

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