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  • Kritik: Todgeweihte leben besser

    Til Schweiger entdeckt für 'Knockin' on Heaven's Door' das Regietalent Thomas Jahn

    In diesem Film erhebt die Wahrscheinlichkeit in keiner Sekunde ihr scheußliches Haupt. Und da von der ersten Minute an schief geht, was nur schief gehen kann, darf man sicher, daß schließlich doch alles läuft wie geschmiert. Daß der Anfang eine Unverschämtheit ist, fällt erst gegen Ende auf, wenn man dem Film schon längst alles verziehen hat, weil er seine Lügenmärchen so charmant und unverfroren serviert. Man kann ihm gar nicht böse sein.

    'Märchen' ist allerdings das falsche Wort für eine Geschichte, die mit Realität etwa so viel zu tun hat wie die Berliner Filmförderungsanstalt mit Phantasie. Dieser Film ist vielmehr reines Kino im amerikanischen Sinn von Entertainment. Und da er es versteht zu unterhalten, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen, amüsiert man sich, ohne es zu merken. Und genau das ist die beste Art von Entertainment: Man lacht eben gerade nicht unter Niveau, sondern schmunzelt dauernd über die liebenswerte Dreistigkeit, mit der einem ein Bär nach dem andern aufgebunden wird.

    Genau daran merkt man, daß der Debütant Thomas Jahn das 'gewisse Gefühl' für sein Handwerk besitzt. Er hat es auf keiner Filmhochschule gelernt, sondern auf die beste aller möglichen Weisen: im Kino, als Autodidakt, als Überzeugungstäter. Das unterscheidet Jahn von den meisten heutigen Jungregisseuren, die alle so tun, als müßten sie das erfolgreiche Kommerzkino unbedingt noch einmal erfinden; und das verbindet ihn - trotz der diametral entgegengesetzten Lebenshaltung - mit der Filmbesessenheit des jungen Fassbinder.

    Dieser Thomas Jahn hat Kino im Blut - und das ist in Deutschland, das voll ist von jammernden Filmemachern, etwas verdammt seltenes. Im Gegensatz zur verlorenen Generation von Hochschulabsolventen, der man mit der unverzichtbaren Neugier aufs Leben offenbar auch alle Kenntnis der Filmgeschichte ausgetrieben hat, kennt dieser ehemalige Taxifahrer offenbar beides - Kino und Leben - gut genug, um souverän damit spielen können.

    Man muß also nicht wie Martin Scorsese extra einen Mann anstellen, der alle Spielfilme im Fernsehen aufzeichnet und katalogisiert, und man muß nicht wie Quentin Tarantino jahrelang in einem Videoshop gejobt haben, um die magic moments der Filmgeschichte zu kennen und parat zu haben; es genügt, ausreichend Filme gesehen und durch sie begriffen zu haben, daß auch die Geschichten im Kino der natürlichen Schwerkraft menschlicher Bequemlichkeit und intellektueller Faulheit unterliegen und es also darauf ankommt, in den entscheidenden Momenten genügen Aufwind der Phantasie zu erzeugen . Es geht nicht um die graduellen Unterschiede auf der breiten Skala zwischen Realismus und Fiktion, sondern um die Kraft der Bilder, die in der Bewegung eine innere Logik entfalten müssen.

    Eben das kann Thomas Jahn. Sein Film funktioniert nicht über die verbalen Dialoge, sondern über den Dialog des gleichzeitigen Geschehens. Also, technisch gesprochen, über die Parallelmontage. Allein das macht Tempo, weil man als Zuschauer immer schon wissen möchte, was denn die Gegenpartei gerade so anstellt. Ein cleveres Prinzip für ein Debüt.

    Zwei männliche Paare gilt es zusammen und über die Strecke von 92 Minuten bringen. Dafür ist Symmetrie das richtige Prinzip: Zwei, die sich nicht mögen, werden dicke Freunde; und zwei, die Partner sind, geraten ständig aneinander. Zunächst freilich muß Martin (Til Schweiger) und Rudi (Jan Josef Liefers) auf die richtige Route gesetzt werden. Jahn bringt sie schon zu Beginn im selben Zugabteil unter, wo sie sofort ihre Unterschiedlichkeit demonstrieren: der eine raucht, der andere nicht. Aber Rauchen schadet der Gesundheit nicht mehr, wenn der eine Gehirntumor und der andere Knochenkrebs hat. Solche Schicksalsschläge einen.

    Thomas Jahn weiß aus dem amerikanischen Kino nur zu genau, daß man es seinen Leuten schwer machen muß, wenn deren Geschichte interessant sein soll. Also bedroht er sie mit dem Schlimmsten: dem Tod. Und damit niemand einen Vorteil hat, tut er dasselbe dem Gegenspieler- Pärchen an, den Kleingangstern Henk (Thierry van Werveke) und Abdul (Moritz Bleibtreu), denen Martin und Rudi das Auto klauen, in dem ein Koffer voller Geld ist, weshalb der Gangsterboß schon mal den Revolver entsichert. Das wäre aber gar nicht nötig, denn bald ist die Polizei hinter allen vieren her.

    Eine mehr oder weniger lächerliche Geschichte; wie gesagt, ohne den geringsten Anschein von Wahrscheinlichkeit. Hier potenziert sich das Kino selber: statt Reality-TV der x-te Aufguß uralter Kinogeschichten. Jahn, der Bewunderer von John Ford und Howard Hawks (wahrlich nicht die schlechtesten Vorbilder), gibt das auch unumwunden zu: 'Ich klaue, wo ich kann.' Wobei man in diesem Fall auf den deutlichen Unterschied zwischen klauen und abkupfern hinweisen muß. Als Zuschauer merkt man schnell, daß man das schon mal gesehen hat, oft sogar besser; aber das stört nicht im geringsten, weil Jahn die Illusion eben nicht nur klaut, sondern sie auch zum Thema macht.

    Die zwei lebenden Toten wollen nämlich nur noch eins: das Meer sehen, weil das Meer angeblich der einzige Gesprächsstoff im Himmel ist. Und weil sie schon auf Erden nicht viel zu sagen hatten, wollen sie doch wenigstens dort oben mal mitreden. So machen sie eine Reise, bei der sie mehr erleben als je zuvor in ihrem Leben - bis beide eigentlich mit Fug und Recht sagen könnten, man lebt nur sterbend wirklich intensiv.

    Aber so weit würden vermutlich weder Martin und Rudi noch Thomas Jahn selber gehen. Denn im Grunde spielen sie ja nur eine Art Räuber Gendarm, mit nur einer Gewißheit des Endes. Zwar stolpern sie einem Ziel entgegen, das sie nach den Kinoregeln des Happy-ends sogar erreichen, aber Vertrauen setzen sie nicht in diesen Ausgang, nur in die Kinoregeln. Und so hat man zum ersten Mal in einem deutschen Film das Gefühl, das Kino erzähle sich selbst, und alles und jeder ordne sich diesen Regeln unter.

    Was am amerikanischen Kino immer wieder erstaunt: mit welcher selbstverständlichen Kraft Debütanten antreten, hier trifft es endlich auch einmal auf einen deutschen Anfänger zu. Thomas Jahn erzählt nicht von sich, sondern vom Kino. Und er jammert nicht über die Fragwürdigkeit der Bilder, er benutzt sie einfach. Und siehe da: es funktioniert.

    Es funktioniert überhaupt einiges bei diesem Film, woran in Deutschland bisher nicht zu denken war: daß ein Taxifahrer in der Buchhandlung einen veritablen Jungstar trifft und ihm ein paar Drehbücher gibt; daß dieser Schauspieler die Bücher tatsächlich liest und eines sogar selber produzieren will, statt sein Geld - wie üblich - außerhalb der Branche anzulegen; daß dieser Jungstar dann natürlich die Hauptrolle spielt, aber jede Menge ebenbürtiger Darsteller neben sich duldet; daß man den unbekannten Filmautor auch allen Ernstes als Regisseur in Betracht zieht und ihn zu einem Crashkurs auf eine New Yorker Filmschule schickt; daß sich dieser Taxifahrer dann als virtuoses Kinotalent entpuppt; daß man schließlich das Werbebudget für den Film genauso hoch ansetzt wie die Produktionskosten.

    Der Film selber also ist kein Märchen, sondern nur Illusionskino, das mit der Wirklichkeit nichts am Hut hat. Aber wie dieser Film zustande kam, das kann sehr wohl als Märchen gelten, das Wirklichkeit wurde.

    PETER BUCHKA KNOCKIN' ON HEAVEN'S DOOR, D 1997 - Regie und Buch: Thomas Jahn. Kamera: Gero Steffen. Schnitt: Alexander Berner. Darsteller: Til Schweiger, Jan Josef Liefers, Thierry van Werveke, Moritz Bleibtreu, Huub Stapel. Verleih: Buena Vista. 92 Minuten.

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