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  • Kritik: Tod und Leidenschaft in der Hitze des Südens

    Europäischer Blick ohne Prüderie und Glätte

    Hank, ein mürrischer Mann in den Vierzigern, arbeitet als Wärter in Staatsgefängnis des südlichen US-Bundesstaates Georgia. Er hat dort die spezielle Aufgabe, die Todeskandidaten zur Hinrichtung auf den Elektrischen Stuhl zu geleiten. Das hat schon sein pensionierter Vater getan, das tut auch sein Sohn Sonny, mit denen er zusammen in einem Haus ohne Frauen wohnt.

    Leticia lebt ebenfalls in Georgia, aber in einem ganz anderen Milieu: Sie ist Schwarze, hat einen dicken Jungen, der sich bei jeder Gelegenheit mit Süßigkeiten vollstopft, und einen Mann, der als zum Tode verurteilter Krimineller auf seine Exekution wartet. Als die erfolgt ist, beginnt für Leticia und ihren Jungen der soziale Abstieg, der in den USA weit brutaler verläuft als bislang noch hier zu Lande. Als Aushilfskellnerin begegnet sie ausgerechnet dem Mann, der wie sie Enttäuschung und Trauer in sich trägt. Leticia weiß nichts von ihrer schicksalhaften Verknüpfung mit Hank, dem Henker ihres Mannes, und Hank weiß es ebenso wenig.

    Trotzdem mündet die Begegnung der beiden in eine leidenschaftlichen Liebesbeziehung, die Marc Forsters Film "Monster's Ball" zeigt. Und endlich kann auch das deutsche Publikum sehen, warum Halle Berry für ihre Darstellung der Leticia erst mit dem Silbernen Bären der Berlinale und wenig später mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Für wenig Geld hat das neue Bond-Girl die Rolle in der Billig-Produktion des in Ulm geborenen und in der Schweiz aufgewachsenen 33-jährigen Regisseurs übernommen, weil sie fasziniert war von der Geschichte und der von ihr verkörperten Figur. Dafür wurde Berry reich und verdient belohnt.

    "Monster's Ball" ist ein außerordentlich intensiver Film, der den Betrachter noch lange bewegt und aufwühlt. Nach der Aufführung im Wettbewerb der Berlinale ist viel von der freizügigen Sexszene zwischen Halle Berry und ihrem Partner Billy Bob Thornton, den Darsteller des Hank Grotowski, die Rede gewesen. Aber erst jetzt lässt sich überprüfen, dass diese Szene völlig eingebettet ist in eine Dynamik, die es regelrecht fordert, hier nicht mit der üblichen verlogenen Pseudo-Erotik Hollywoods zu agieren, sondern Sinneslust pur zu zeigen. Forster beweist mit seinem Film nicht nur erstaunliches Können, sondern auch Lust am Risiko.

    Denn "Monster's Ball" ist fast über Gebühr befrachtet mit Schicksalsschlägen und Dramatik. Wer so verdichtet wie die Drehbuchautoren und Regisseur Forster, der läuft Gefahr, des Guten zu viel zu wollen und daran zu scheitern. Das vermieden und im Gegenteil einen Film gemacht zu haben, in dem auch einige dramaturgische Überkonstruktionen die gespannte Anteilnahme nicht beeinträchtigen, stellt den Machern ein hervorragendes Zeugnis aus.

    Es mag ja sein, dass der amerikanische Süden, der da gezeigt wird, in der Realität ganz anders ist. Aber Forster wollte kein Doku-Drama drehen, sondern eine Geschichte in Bilder setzen, die unter die Haut geht. Es wird nicht viele Besucher des Films geben, die dem entgehen werden. Hoffentlich lässt sich Marc Forster, dem in Hollywood nach diesem überraschenden Erfolg nun viele Türen offen stehen, auch künftig nicht davon abbringen, seinen europäischen Blick auf Amerika mit europäischen Mitteln, also ohne Prüderie und Glätte, beizubehalten.

    Wolfgang Hübner, AP

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