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  • Kritik: Tief im Herzen des Fanatismus

    Da hängt ein Priester unter dem Kronleuchter, qualvoll aufgehängt an den rückwärts gefesselten Händen. Zuvor hatte er noch lächelnd erklärt, Gott helfe den gefolterten Menschen bei den Verhören durch die Inquisition, die reine Wahrheit zu sagen.

    Doch nun, schreiend vor Schmerz, setzt er eilig seine Unterschrift unter ein absurdes, ketzerisches Geständnis: Selten ist die Heuchelei der katholischen «Glaubenshüter» vergangener Zeiten so dramatisch auf den Punkt gebracht worden wie in dieser Schlüsselszene von Milos Formans Film «Goyas Geister».

    In dem Drama geht es weniger um den großen spanischen Maler Francisco Goya (1746-1828), einen Wegbereiter der Moderne. Aus dem Blickwinkel des Künstlers führt Forman Historienfilm und Melodrama zu einer bewegenden Geschichte zusammen. Goya ist eher eine Nebenfigur. Im Film zeichnet und malt er, will seine Ruhe haben und hält sich aus den historischen Umbrüchen nach Möglichkeit heraus - wenn auch seine Bilder stets die ungeschönte Wahrheit zeigen. Der Schwede Stellan Skarsgard bleibt in der Rolle ungewöhnlich blass. Umso auffälliger steht ihm der Spanier Javier Bardem als fanatischer Priester Lorenzo gegenüber.

    Als Goyas Muse Ines (Nathalie Portman) in den Folter-Kerkern der Inquisition verschwindet, lässt der Maler am Königshof für das zarte, schöne Mädchen seine Kontakte spielen. Ines, Tochter eines Adeligen, ist unter den Verdacht «jüdischer Praktiken» geraten - weil sie keinen Appetit auf Schweinefleisch hatte.

    Vielleicht kann da auch Lorenzo helfen, ein gefährlich eitler, intelligenter Kirchenmann, dessen Porträt Goya gerade gemalt hat. Lorenzo lässt sich zwar bestechen, unterlässt aber jede Hilfe - bis ihn der Vater von Ines bei einem Festessen schmerzhaft «ins Verhör» nimmt und beweist, dass jedes Geständnis unter Folter wertlos ist. Dennoch holt Lorenzo das Mädchen nicht aus dem Kerker, sondern er schwängert es. Dann flieht er nach Frankreich, weil er selbst nun unter dem Verdacht des Ketzertums steht.

    Jahre später kehrt Lorenzo, der charismatische «Wendehals», mit den Armeen Napoleons nach Spanien zurück und verkündet gewaltsam die Ideale der Französischen Revolution. Auch das Mädchen aus dem Kerker kommt frei, körperlich und seelisch zerstört und im verzweifelten Wahn auf der Suche nach der Tochter, die sie im Gefängnis geboren hat. Goya, Lorenzo und Ines treffen wieder aufeinander. Und Forman findet für seinen Film ein Ende, das einem das Herz brechen kann.

    «Goyas Geister» ist souverän und ruhig inszeniert. Eine große, traurige Geschichte aus einer Zeit, in der Fanatismus und Eifer verschiedenster Art zu entsetzlichem Leid geführt haben. Und genau darin liegt die Bedeutung des Filmes heute.

    Der in Tschechien geborene Regisseur Forman, der mit «Einer flog über das Kuckucksnest» (1974) und «Amadeus» (1984) weltberühmt wurde, enthält sich aber bewusst aller Kommentare zu Extremismus und Hass in der Gegenwart. «Das muss jeder selbst erkennen, wenn er den Film sieht», sagte er der dpa. «Botschaften senden ist nicht mein Geschäft. Ich habe noch nicht einmal E-Mail.»

    Karin Zintz, dpa

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