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  • Kritik: Theo Angelopoulos' Film mit Bruno Ganz:

    Die 1998 in Berlin und Cannes ausgezeichneten Filme haben ein gemeinsames Motiv: Ein Kind rührt an mitmenschliche Gefühle in "Central Station", ein Kind verkörpert die Unschuld und Reinheit in "Das Leben ist schön", und ein Kind gibt in "Die Ewigkeit und ein Tag" dem Leben eines Todgeweihten einen Sinn. Der mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnete Film des Regisseurs Theo Angelopoulos führt einen albanischen Flüchtlingsjungen mit einem älteren Schriftsteller zusammen.

    Der Film beginnt mit der Erinnerung des Dichters an die Kindheit. Er ist in der Morgendämmerung vom Haus am Meer ins Wasser gelaufen und hört seine Mutter nach ihm rufen. Nun, etwa 60 Jahre später, fühlt sich Alexander (Bruno Ganz) alt und schwach. Das Krankenhaus wartet auf ihn, und es scheint klar, daß es seine letzte Lebensstation sein wird. Seine Tochter, die das Haus am Meer verkaufen will, übergibt ihm einen Brief von seiner verstorbenen Frau Anna. Sie spricht darin von einem Sommertag, der mehr als 30 Jahre zurückliegt.

    Bilder dieser Zeit werden wieder wach, Glücksmomente an sonnigen Tagen mit Freunden am Strand und bei Umarmungen mit Anna (Isabelle Renauld). Es sind die einzigen Szenen des Films, in denen die Sonne scheint, doch das Licht ist milchig trüb, und auch die Musik hat einen Stich ins Melancholische. In dem Brief schreibt Anna, daß sie unter seinem Rückzug in die Romanwelten gelitten hat. Ihre Unerreichbarkeit - sie ist vor Jahren gestorben - zerrt nun an ihm, wenn er das Bild der verführerisch schönen Frau immer wieder vor Augen hat. Alexander wird klar, so erklärt Angelopoulos, daß er den wahren Wert seiner Mitmenschen nicht erkannt hat.

    Ein Kind holt Alexander in in die Realität zurück: Bei einer Autofahrt in Thessaloniki sieht er, wie einer der Straßenjungen, die vor Verkehrsampeln Autoscheiben putzen, von der Polizei gejagt wird. Er beobachtet, wie Kinderhändler das Kind einfangen, um es an adoptionswillige Ausländer zu verkaufen. Alexander rettet den Jungen, nimmt sich seiner an und beschließt, ihn nach Hause zu bringen, zur Großmutter in Albanien. Auf der Reise vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart, und sie begegnen sich, wenn der Schriftsteller noch einmal seine Frau in die Arme nimmt.

    Abschiednehmen, Entfremdung, Exil, Trauer über versäumte Möglichkeiten, Isolation und die Endlichkeit des Seins - Themen und Muster der Angelopoulos-Filme finden sich auch in "Die Ewigkeit und ein Tag". Zunächst hatte der Regisseur die Hauptrolle Marcello Mastroianni zugedacht, der schon als "Der Bienenzüchter" (1986) einen Mann auf seiner letzten Reise spielte. Mastroianni aber war, als die Entscheidung anstand, schon todkrank.

    Der Grieche entschied sich für Bruno Ganz, nachdem er ihn im Wenders-Film "In weiter Ferne, so nah" und am Theater als "Odysseus" gesehen hatte. Als griechischer Dichter mit grauem Vollbart spielt der 57jährige Schweizer einmal mehr den zergrübelten Melancholiker, den er selbst als seine "Art Grundfigur" bezeichnet. Seine gebeugte Haltung unter dem lässig getragenen Trenchcoat drückt Zurückgezogenheit aus, aber in seinen Gesichtszügen ist alles zu sehen: Abgeklärtheit, aber auch Sehnsucht, Schmerz und innere Haltung, abgrundtiefe Trauer und eine kraftvolle Selbstsicherheit.

    Die Szenerien, in denen Alexander seinen letzten Lebenstag erlebt, sind trist und düster. Der Regisseur kommt auf Motive seiner früheren Filme zurück wie dem Bild vom Zaun in der Grenzregion, in dessen Maschen wie in "Der Blick des Odysseus" bewegungslose Gestalten hängen. Lange Kamerafahrten, poetische und mystische Bilder, bei denen sich Tag und Traum manchmal vermischen, sind die Handschrift des griechischen Regisseurs, der seine Filme "als verschiedene Kapitel eines einzigen Films" versteht.

    Der suggestiven Grundstimmung kann sich der Zuschauer - nicht nur "Hochleistungssensibilisten", wie die "Weltwoche" spottete - kaum entziehen. Der Film verliert die ganzen 130 Minuten lang nichts von seiner magnetischen Schwere. Szenen des Abschieds ziehen sich fast unerträglich lange hin, in denen es für Hilflosigkeit und Ausgesetztheit des Menschen keinen Trost gibt. Am Anfang des nächsten Tages, wenn man Alexander bereits tot glaubt, kehren Leben und frische Entschlußkraft zurück. Er nimmt sein Schicksal an, Hoffnung aber gibt es nicht.

    Inge Treichel, AP

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