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  • Kritik: Tavianis "Wahlverwandtschaften"

    Hamburg (dpa) - In Goethes Roman von den "Wahlverwandtschaften" brodeln die großen Gefühle unter der stillen Oberfläche: Zwei Frauen und zwei Männer fühlen sich leidenschaftlich zueinander hingezogen, eine Ehe zwischen zweien von ihnen zerbricht daran. Die italienischen Regisseurs-Brüder Paolo und Vittorio Taviani ("Fiorile") haben die klassische Vorlage verfilmt - von den unterschwellig brodelnden Gefühlen ist in der konventionell erzählten Geschichte jedoch ebensowenig übriggeblieben wie vom sozialen Zündstoff, den Goethe 1809 mit dem Ehebruch-Roman transportierte. Lichtblick des Films, der am nächsten Donnerstag (23.1.) anläuft, ist allein Isabelle Huppert.

    "Als ich das Buch las, habe ich nicht zweimal nachgedacht, ob ich die Rolle spielen soll", bekennt die Französin: "Es geht um die widerstreitenden Prinzipien von Vernunft und Leidenschaft, von Natur und Gesellschaft." Tatsächlich kommt das sorgsam austarierte Gleichgewicht zwischen Charlotte (Huppert) und ihrem Mann Otto (Fabrizio Bentivoglio) aus dem Lot, als die junge Ottilie (Marie Gillain) auf dem stillen Landgut auftaucht.

    Der impulsive Otto erwidert bald die Leidenschaft seiner jungen, romantischen Namensvetterin. Die rationelle Charlotte hingegen entdeckt bald ihre Zuneigung zu dem Architekten Eduard (Jean-Hughes Anglade): Gefühlsverwirrungen, die im Widerspruch zu Konventionen und zur Vernunft stehen und alle Beteiligten ins Verderben stürzen werden. Goethe legte dem eine chemische Reaktion zugrunde: Das Paar A und B muß beim Erscheinen der Elemente D und E notwendig mit ihnen neue "Wahlverwandtschaften" eingehen - Naturgesetze stehen gegen die gesellschaftliche Norm.

    Diesen Konflikt versuchen die Tavianis in Bildern einzufangen: Sie verlegen die Geschichte in die Kultur-Landschaft Toskana, arbeiten mit architektonischer Symmetrie und Asymmetrie, Prinzipien von Ordnung und Unordnung, die sich in der Anlage des Gartens, der Renaissance-Villa, der Konstellation der Figuren im Bild ausdrücken.

    "Für uns war dieser Film ein bißchen wie unser eigenes Leben", erzählt Vittorio Taviani (67): "Es geht immer darum, ein Gleichgewicht zu finden, zwischen dem was wir wollen, und dem, was wir können. Goethe war für uns da wie ein Bruder." Und Paolo Taviani (65) fügt hinzu: "Von Liebesfilmen ist man heute eine sehr aggressive Sprache gewohnt - wir haben einen anderen, stillen Weg gewählt."

    Doch eben diese ruhige Distanz zu den turbulenten Ereignissen ist es, die die Geschichte seltsam kühl und blutleer erscheinen läßt. Otto, Ottilie und Eduard wirken wie Marionetten auf einem abgezirkelten Spielfeld - die drei Schauspieler vermögen kaum, ihnen Leben einzuhauchen und den Betrachter wirklich für ihr Schicksal zu interessieren. Allein Isabelle Huppert gelingt es, unter der mit wunderschönen Bildern (Kamera: Guiseppe Lanci) geschmückten Oberfläche einen bewegten und in seiner Widersprüchlichkeit auch bewegenden Charakter zu zeigen - dafür lohnt der Kinogang.

    Von Andrea Barthelemy, dpa

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