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  • Kritik: Stilbewusstes Gangster-Drama

    Deutsch sein oder nicht deutsch sein, das ist hier nicht die Frage. Der Anti-Held des am 16. November anlaufenden Filmdramas "Kanak Attack" ist Deutschländer und "Kümmeltürke" zugleich, doch bürokratische Formalien interessieren weder den einen noch den anderen.

    Zwischen den Stühlen hat Ertan sich seine eigene Subkultur geschaffen, in der das Schimpfwort "Kanake" als Auszeichnung gilt, ebenso wie sich die "Gangstas" in den USA "Nigger" nennen. Wenn Weiße das sagen, gibt es allerdings Zoff. Ertans Kumpel sind "Kanaken", egal ob mit oder ohne deutschen Pass.

    Sie sind Einwanderer-Kinder, die am kriminellen Rand der Gesellschaft leben und eine hartgesottene Clique bilden, nach außen aggressiv, nach innen in Männerfreundschaft verbunden, gemäß dem Motto "Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein". Ertan ist ein Kieler Kleingangster. Weil Zuhälter Farouk erschossen wurde, fragen ihn die beiden Huren Sandra und Yonca, ob er Farouks Job übernehmen will. Damit kommen Ertan und Freund Kemal Gangster Attila in die Quere. Und als Kemal nach einem Überfall ausgewiesen wird, besucht ihn Ertan in Istanbul, um zum Großdealer aufzusteigen. Seine Kieler Wohnung wird zur Junkie-Drehscheibe.

    Die Polizei ist ihm auf den Fersen, bald hängt er selbst an der Nadel: Die Abwärtsspirale dreht sich bis zum absehbaren Showdown, der passend zum Stil des Films cool und knapp ausfällt. "Kanak Attack" ist die Chronologie einer Kriminellenkarriere in 13 Episoden. Aber eigentlich geht es um etwas anderes, nämlich um den Stil der "Kanakster", die eine Machokultur zelebrieren, wie sie lange verpönt war: Goldkettchen, schwarzes Leder, geschniegeltes Kopf- und Barthaar. Dazu das passende Gebaren wie breitbeiniges Gehen, stechende Blicke und verbale Kraftmeierei. So wie US-Filmemacher die Gang-Subkultur fasziniert beobachten, so tut es Regisseur Lars Becker mit dieser multikulturellen Gang, der das böse Ende so sicher wie das Amen in der Kirche ist.

    Doch das kriminelle Außenseitertum kommt gut rüber, wird es doch von einem gelungen Musikmix aus HipHop und Trance begleitet. Feridan Zaimoglu, der Autor der Romanvorlage, behauptet, die Hauptfigur nach einem authentischen Fall geschrieben zu haben. Er legt ihm bedrohliche Sätze in den Mund wie "Wir sind die Kanaken, vor denen ihr Deutschen uns immer gewarnt habt. Jetzt gibt es uns, ganz eurem Bild und euren Ängsten entsprechend." Das ist natürlich Unsinn, genauso wie das betont politisch Unkorrekte eine Attitüde ist und auch der angebliche Realismus. Dafür sieht schon der Hauptdarsteller Luk Piyes, der auch als Model arbeitet, viel zu gut aus: Ein bisschen erinnert er an James Dean.

    Die Stärke des Films liegt in seiner prägnanten, treibenden Machart, in den reduzierten Bildern, die kein überflüssiges Wort zulassen, in der Mischung zwischen ausgestrecktem Mittelfinger und Selbstmitleid, kurz: in dem mitreißenden "Drive", der von Martin Scorseses Italo-Gangsterballaden wie auch von "Pulp Fiction" inspiriert ist. Besonders geglückt sind die lakonisch-witzigen Momente. Zwar wird einem unbehaglich dabei, wie schnell türkische Gangs als Pendants zu Mafiosi oder schwarzen Gangs instrumentalisiert werden. Aber wenn es einem Film gelingt, in einer Stadt wie Kiel dieselbe stimmige Atmosphäre zu erzeugen wie in New York, dann sei auch das akzeptiert.

    Birgit Roschy, AP

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