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  • Kritik: Steven Spielbergs bedrückender Kriegsfilm

    Frankfurt/Main - Große Mächte gründen auf Strömen von Blut. Die Vereinigten Staaten würden nicht ihre heutige Hauptrolle beanspruchen können, wenn nicht an einem Junitag vor 54 Jahren Zehntausende ihrer jungen Männer an eine fremde Küste gestürmt wären, um mit Waffengewalt den Feind auf den Dünen zu vertreiben.

    Dieser Feind trug die Uniform mit dem Hakenkreuz, unter der unsere Vorväter Deutschland dienten. Jeder weiß, wie der Kampf und der Krieg endeten. Aber erst Steven Spielbergs Film "Der Soldat James Ryan" macht in drastischster Realistik klar, welcher Preis auch die gerechte Sache kostet.

    Gleich zu Anfang demonstriert das Geschehen auf der Leinwand eine knappe halbe Stunde lang, was Krieg für seine Akteure, nämlich die Soldaten, abseits aller Heroisierungen ist: Todesangst, die zum Erbrechen führt; völlige Hilflosigkeit im gegnerischen Dauerfeuer; panikartige Desorientierung in der Apokalypse verwundeter, verstümmelter und toter Körper der Kameraden, die eben noch gesunde, lebenslustige Jungs aus Ohio und Oklahoma waren. Diese höllischen 25 Minuten werden jeden Zuschauer lange verfolgen: Er wird sich an den Soldaten erinnern, den ein Geschoß den Arm abgerissen hat und der vor Schmerz und Schock wie betäubt diesen Arm aufhebt und betrachtet.

    Er wird sich auch noch lange an die Szene erinnern, in der ein Soldat gewahr wird, daß eine feindliche Kugel von seinem Stahlhelm abgeprallt ist: Der Mann nimmt verblüfft die Kopfbedeckung ab, um die Delle im Helm zu betrachten, im nächsten Moment durchschlägt ihm eine Kugel die ungeschützte Stirn. Was Spielberg und sein Kameramann Janusz Kaminski uns zeigen über die blutige Schlacht am 6. Juni 1944, ist weit weg von den Verklärungen der alliierten Invasion an der Küste der Normandie in früheren Werken wie zum Beispiel dem monumentalen, aber geschönten Leinwandpanorama "Der Längste Tag" aus dem Jahr 1961.

    Zu sehen ist vielmehr in nahezu dokumentarischer Unerbittlichkeit, wie seinerzeit ein militärisches Wagnis ablief, das den tausendfachen Tod samt Schmerzen und Verzweiflung der Soldaten im Kalkül hatte. Spielbergs 167minütiges Drama macht deutlich, welche Opfer für den Sieg über Deutschland gebracht werden mußten, wer das Opfer brachte und warum dies nie vergessen werden soll. "Der Soldat James Ryan" mag überall auf der Welt in erster Linie als beeindruckendes filmisches Erlebnis angesehen werden. Doch in den USA, wo er überaus erfolgreich läuft und Millionen anrührt, ist das kein Kriegsfilm wie viele zuvor, denn er wühlt Erinnerungen und Verdrängungen auf.

    Auch in Deutschland kratzt dieser Streifen an noch empfindlichen Wundnarben. Das wird insbesondere in der Szene deutlich, bei der ein gefangener Deutscher das Grab für einen gefallenen GI ausheben und dabei befürchten muß - Genfer Konvention hin oder her -, von den aufgebrachten, unter Kampfstreß stehenden Mitgliedern eines amerikanischen Stoßtrupps erschossen zu werden. In seiner Todesangst unterwirft sich der Deutsche den Gegnern fast hündisch, biedert sich mit Schulenglisch an und bekommt tatsächlich die Chance zum Überleben. Es ist derselbe Deutsche, der in der abschließenden Schlacht um eine strategische Brücke gleich wieder zum todbringenden Gegner wird.

    All das gehört zu dem Teil des Films, der sehr viel konventioneller daherkommt als der furiose Beginn. Spielberg wäre nicht der, den die Welt kennt, würde er nicht nach allen Regeln der populären Dramaturgie auch eine Geschichte erzählen, nämliche die des Soldaten Ryan: Das ist ein junger Mann, der nach der Invasion hinter den deutschen Linien verschollen ist. Er weiß noch nichts davon, daß seine drei Brüder in kurzer Zeit dem Krieg zum Opfer gefallen sind. Das ist eine so schreckliche Nachricht, daß Befehl gegeben wird, Ryan zu suchen und in die Heimat zu der verzweifelten Mutter zurückzubringen. Der Auftrag wird von Captain Millers Truppe erfüllt, doch es wird ein Opfergang.

    Hollywoods "Mister Jedermann", Tom Hanks, spielt glaubwürdig wie immer diesen edlen Charakter mit den zitternden Händen. Neben ihm bietet der schmächtige Jeremy Davies eine beeindruckende Leistung als Corporal Upham. Dieser geborene Unsoldat, der Anstand, Würde und Menschlichkeit im moralischen Inferno des gegenseitigen Abschlachtens einfordert, tötet am Ende selbst. Denn Upham muß begreifen, wieviel Unmenschlichkeit einem Menschen der Krieg abfordern kann, damit Menschlichkeit und Zivilisation generell noch eine Chance bekommen.

    "Der Soldat James Ryan" ist voller Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Aber Spielberg und sein Drehbuchautor Robert Rodat stellen auch Fragen, die nachwirken. Das macht den Film zu einem Ereignis, das ab dem 8. Oktober in den Kinos auch in Deutschland viele Menschen mit dem manchmal notwendigen, doch nie erträglichen Wahnsinn des Krieges konfrontiert. Spielberg hat seine Motive für dieses neue Werk bekannt: "Der Zweite Weltkrieg ist vermutlich das wichtigste Ereignis dieses Jahrhunderts, weil sein Ausgang darüber entschieden hat, wie die Welt sich entwickelt...- ich als Jude wäre sicher längst von der Erdoberfläche verschwunden, hätten die Nazis gewonnen."

    Wolfgang Hübner, AP

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