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  • Kritik: Spannendes Polit-Drama

    Außerordentliche Intensität durch Nahaufnahmen

    Ausgehend vom Schicksal des berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler (1886-1954) diskutiert der auf einem dokumentarischen Theaterstück des in Südafrika geborenen britischen Schriftstellers Ronald Harwood basierende Film das Verhältnis von Politik, Kunst und Moral.

    Das Kammerspiel, dessen Dialoge zu großen Teilen auf tatsächlichen Äußerungen Furtwänglers beruhen, spielt im zerstörten Berlin des Jahres 1946. Im Zuge der Untersuchungen des von Furtwängler beantragten Entnazifizierungsverfahrens will der US-amerikanische Major Steve Arnold (Harvey Keitel) dem Dirigenten (Stellan Skarsg�rd) eine Mitschuld am Naziterror nachweisen.

    Der Verhörte beharrt auf der Ansicht, dass Kunst und Politik nichts miteinander zu tun hätten. Eine Haltung, die Arnolds Mitarbeiter, die KZ-Überlebende Emmi Straube (Birgit Minichmayr) und der jüdische Emigrant David Wills (Moritz Bleibtreu), akzeptieren können. Der Major aber bleibt unerbittlich. Er treibt Furtwängler argumentativ und emotional in die Enge.

    Istv�n Szab� hat den Film aus einer sehr persönlichen Perspektive heraus gedreht. Er sagt dazu: "Ich lebe in Ungarn, wie schon meine Eltern und Großeltern. Unser Leben wurde immer durch Politik und Politiker bestimmt und zerstört. Die Fragen, die der Autor Ronald Harwood stellt, sind auch meine Fragen: Wie lebt man unter dem Druck autoritärer Regime? Wie kann man da überleben? Das sind generelle Fragen, die sich alle Menschen stellen müssen, heute nicht anders als vor fünfzig Jahren." Hauptdarsteller Harvey Keitel ergänzt: "Diese Fragen sind universell relevant. Toleranz, Moral, Angst, Mut, Feigheit - was steckt dahinter. Indem wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen, haben wir eine Chance, das herauszubekommen." Der Originalfilmtitel "Taking Sides" ("Haltung beziehen") ist damit durchaus als direkte Aufforderung an das Publikum zu verstehen.

    Der Fall Furtwängler eignet sich in der Tat hervorragend, um über die von Regisseur Szab� aufgeworfenen Fragen nachzudenken. Der Dirigent gehörte zu den Größten seiner Zeit. Als Chef der Berliner Philharmoniker und der Berliner Staatsoper sowie als Staatsrat der Reichsmusikkammer benutzten ihn, der nie in die NSDAP eintrat, die Nazis zweifellos als Aushängeschild. Und er ließ sich dazu benutzen. Andererseits half er jüdischen Mitbürgern und trat energisch gegen die faschistische Kulturbarbarei an, lehnte sich beispielsweise gegen das Verbot einer Hindemith-Oper auf. Schwarz-Weiß-Malerei in der Beurteilung verbietet sich also.

    Um die Ernsthaftigkeit des Films zu betonen, meidet Regisseur Istv�n Szab� allen äußeren Aufwand. "Ich vertraue der größten Errungenschaft der bewegten Bilder - Nahaufnahmen der sich permanent ändernden Gefühle", erläutert er seinen Stil. Und wirklich erreicht er damit eine außerordentliche Intensität. Und die wird durch das im Abspann des Films vermittelte Wissen um den historischen Fortgang der Ereignisse noch verstärkt: Furtwängler konnte nie in den USA arbeiten, galt aber in Europa als rehabilitiert und übernahm die Leitung der Berliner Sinfoniker sowie der Salzburger Festspiele. Die Nachfolge übernahm nach seinem Tod Herbert von Karajan, der gleich zwei Mal Mitglied der NSDAP geworden war.

    Peter Claus, dpa

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