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  • Kritik: Sönke Wortmanns Reeperbahn-Mosaik

    Rund um die Reeperbahn dauert die Zeit von Mitternacht bis zum Morgengrauen im Kino 95 Minuten - jedenfalls in Sönke Wortmanns neuem Film "St. Pauli Nacht", der ab dem 2. September in die Kinos kommt.

    95 Minuten, in denen wir dem smarten Johnny, dem verzweifelten Manfred, dem rasanten Rasta Robby, einem lüsternen Käsefabrikanten, dem Kiezboss Brilli, der schönen, aber frustrierten Ulrike und noch einer ganzen Menge mehr Personen in dem Hamburger Stadtteil begegnen. Viele Menschen, viele Schicksale, Komik, Tragik, Sex und Sehnsüchte - es ist was los auf der Leinwand, aber eigentlich überhaupt nichts Überraschendes.

    Denn das ist wirklich eine Enttäuschung: Die 1998 mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnete Filmvorlage des renommierten Autors Frank Göhre steckt voller Klischees und präsentiert viel zu viele Figuren, die weder berühren noch gar anrühren. Dazu kommen die bemüht sexistischen Dialoge samt rüdem Rotlicht-Jargon, gekrönt von einem splitternackt amoklaufenden Postboten, der mit seinem offenbar monströsen Geschlechtsteil selbst abgebrühte Huren in Angst und Schrecken versetzt - selten so gelacht.

    Göhre muss ein anderes Drehbuch als das von Wortmann verfilmte im Sinn haben, wenn er glaubt: "Hier habe ich den Alltag beschrieben - nicht den Kiez porträtiert, sondern die Gefühle von Menschen." Sicher gibt es in Wortmanns Film eine Reihe gut inszenierter, gut fotografierter Szenen. Manche Figur könnte auch durchaus Interesse finden, würde sie nur etwas näher ins Bild gerückt, also mit Geduld beobachtet. Aber dazu ist natürlich keine Zeit in einem Streifen, in dem überehrgeizig etliche Geschichten und etliche Schicksale miteinander verwoben, ineinander verschränkt werden sollen. Auch das gelingt indessen nur knirschend und oft schlicht aufgesetzt.

    Sicher wollten Göhre und Wortmann keine Dokumentation des realen Reeperbahn-Lebens von heute auf die Leinwand bringen, sondern das dramatisch verdichtete Mosaik einer Nacht. Pech für beide, dass eben das Andreas Dresen mit seiner kurz zuvor in die Kinos gelangten nächtlichen Berlin-Odyssee "Nachtgestalten" künstlerisch weit überzeugender gelungen ist. Das lässt die im Grunde kreuzbiedere "St. Pauli Nacht" noch uninteressanter erscheinen, als sie ohnehin bereits ist. Das Großaufgebot bekannter und interessanter Darsteller kann die Schwächen des Films nicht ausgleichen, nur etwas mildern.

    Eindruck machen insbesondere Armin Rohde als Amokläufer, Florian Lukas als flippiger Junkie, Glatzkopf Christian Redl als brutal-sensible Kiezgröße und auch die schöne Maruschka Detmers. Heiner Lauterbach bringt einen Gastauftritt hinter sich, Peter Sattmann spielt, wie meist, den gut aussehenden Miesling, ein solch glänzender Schauspieler wie Axel Milberg hängt mit seinem lieblosen Part sichtlich in der Luft.

    Und irgendwann fragt sich deshalb der zunehmend gelangweilte Zuschauer: Wann kommt denn endlich der blonde Hans mit Schifferklavier unter der Kapitänsmütze und singt sein Lied? Aber leider ist Hans Albers schon lange tot, und doch lebendiger als dieser hausbackene Film, der leider typisch ist für die einheimische Produktion.

    Wolfgang Hübner, AP

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