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  • Kritik: Soderbergh lässt die Stars tanzen

    "Willst du all' deine Haare abschneiden und sie schwarz färben?", kritzelte Steven Soderbergh auf das Drehbuch und schickte es Julia Roberts. Sie wollte (auch wenn am Ende eine schwarze Perücke und blond gefärbte Haare reichten).

    Weil es Soderbergh war, der "Voll Frontal" in nur 18 Tage abdrehte, sagten auch viele andere Stars zu - darunter David Duchovny ("Akte X") und Blair Underwood ("Deep Impact"). Weil es Soderbergh war, erregte der Film, der in den USA noch vor "Solaris" anlief, viel Aufmerksamkeit. Und weil es Soderbergh war, erhielt er dort vorwiegend schlechte Kritiken: Zu sehr wich dieser kunstvolle kleine Episodenfilm von dem tradierten Hollywood-Schema ab, das der Regisseur mit Filmen wie "Erin Brockovich" oder "Traffic" noch so vortrefflich bediente.

    Grobkörnige Wackelbilder bis den US-Kritikern die Augen tränten

    "Voll Frontal" bietet grobkörnige Wackelbilder, überdunkle und unscharfe Aufnahmen, bis den US-Kritikern die Augen tränten. Einige meinten, der Meister hätte derartige Filmkunst lieber den Dogma-Dänen überlassen sollen - und doch: Es ist keine Attitüde nach dem Motto "Regie-Star lasst sich zu Low Budget-Streifen herab", die Soderbergh zu diesem Projekt antrieb.

    Punkt 10 im Film-Regelwerk: "Spaßhaben"!

    Alle Beteiligten - auch die hinter der Kamera, so ahnt man - hatten jede Menge Spaß bei der Produktion. "Spaßhaben" war unter Punkt 10 im eigens für den Film geschaffenen Regelwerk verordnet worden.

    Stars übernahmen Verantwortung für ihre Charaktere

    Soderbergh und sein Team zelebrieren mit "Voll Frontal" das Filmemachen, zu dem man eigentlich nichts weiter braucht als eine Digitalkamera und ein paar Schauspieler. Der Regisseur verzichtete auf Beleuchtung, Special Effects und ausgeklügelte Requisiten. Die Darsteller sollten Verantwortung für ihre Charaktere übernehmen, wozu auch Kostüme (Regel 4), Make Up und Frisuren (Regel 5) und Improvisation (Regel 7) gehörten.

    Das führte einerseits dazu, dass die sonst so glänzenden Hollywood-Mähnen in "Full Frontal" auffallend schlaff und strähnig um die Köpfe hängen. Andererseits spornte die Mitsprachepflicht die Schauspieler zu ungeahntem Engagement an: Catherine Keener (Lee) brachte ihren eigenen Pyjama mit zum Set, und Hitler-Darsteller Nicky Katt entwickelte für seinen Diktator gar eine neue Designrichtung, die er Ninja-Nazi-Stil - kurz: Ninjazi - taufte.

    24 Stunden im Leben von sieben Menschen - vor der Party

    Eine zentrale Geschichte gibt es in "Voll Frontal" nicht. Anders ausgedrückt: Es gibt -zig Geschichten. Der Film beschreibt 24 Stunden im Leben von sieben Menschen, die fast alle am Ende des Tages auf der selben Party landen - bis auf Filmproduzent Gus (David Duchovny), der tot in seinem Hotelzimmer liegt, und Hitler (grotesk, neurotisch, komisch: Nicky Kat). Julia Roberts zeigt in einer Doppelrolle solides, wenn auch unspektakuläres Handwerk. Großartig ist hingegen David Hyde Pierce, der als Carl mit einigen Schicksalschlägen zu kämpfen hat: Ehe im Eimer, Karriere am Ende, Hund im Haschischrausch.

    Grenzen zwischen Wahrheit und Spiel verwischt

    Erst allmählich gelingt es dem Zuschauer, das komplizierte Beziehungsgeflecht zu entwirren: Wer ist wer? Wer kennt wen, wie gut und warum? Erschwert wird diese Analyse durch Soderberghs Spiel mit Filmrealität und Filmfiktion.

    "Voll Frontal" ist ein Film über einen Film, ein Film im Film und stellenweise auch ein Theaterstück im Film. Als würde man durch zwei sich gegenüber stehende Spiegel blicken, ist der Effekt verblüffend und kompliziert. Zumal der Regisseur in einer der letzten Szenen die aufgestellten Grenzen zwischen Wahrheit und Spiel, Realität und Fiktion erneut - diesmal endgültig - verwischt.

    Kerstin Nacken, dpa

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