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  • Kritik: So ein Theater!

    Mehr als eine amüsante Stilübung

    Ob Camille nun von Gewissensnöten geplagt ist, von Liebe oder von Eitelkeit getrieben wird - `Va savoir!" Wer weiß das schon? Ihr Wiedersehen mit dem Unidozenten Pierre, den sie, wie einst, Zeitung lesend auf der Bank im Park findet, löst ein Karussell von Gefühlswirren aus, in dem sich sechs Personen, sekundiert von einer Hand voll Nebendarsteller, drehen.

    Wie anmutig Jacques Rivette, 73-jähriger Altmeister der französischen Nouvelle vague und jünger als je zuvor, diese nur allzu menschlichen Figuren zueinander in Beziehung setzt - davon können selbstgefällige hiesige Epigonen wie Rudolf Thome nur träumen. Für Rivette sind die 150 Minuten Filmdauer eine im Verhältnis zu seinen anderen oft dreistündigen Filmen eher kurze Zeit.

    Der rote Faden ist das Theaterstück `Come tu mi vuoi" von Luigi Pirandello, das Ugo und Camille in einem kleinen Pariser Theater aufführen. Rivette hat das Stück in ganzer Länge auf der Bühne spielen lassen und zeigt daraus Ausschnitte, welche die Ereignisse hinter den Kulissen vorwegnehmen, kommentieren - oder auch auslösen, wie Camilles Liebesmonolog auf der Bühne, der nur für Pierre, dem sie listig eine Freikarte geschenkt hat, bestimmt zu sein scheint. Aber auch Ugo hat seine Geheimnisse: Er sucht nach einem verschollenen Manuskript des Komödiendichters Luigi Goldoni, der im 18. Jahrhundert eine Zeit lang bei einem Gönner in Paris lebte. Dabei macht er die Bekanntschaft der charmanten Studentin Dominique, deren Mutter eine Privatbibliothek geerbt hat. Gemeinsam suchen `Do" und Ugo nach dem Manuskript und kommen sich dabei näher.

    Sonia, der Freundin von Pierre, wird derweil von Dominiques Halbbruder Arthur der Hof gemacht. Er ist ein Taugenichts, der sich mit krummen Geschäften durchschlägt und die kostbaren alten Bände heimlich verkauft. Aber auch Sonia ist nicht so brav, wie es den Anschein hat, und die Beziehung zwischen Do und Arthur ist ebenfalls etwas dubios.

    Rivettes Paris ist die Stadt der knarzenden Dielen, die zu mit alten Bänden gefüllten Bücherregalen führen, der Kopfsteinpflaster, verschwiegenen Bistrots und Seine-Spaziergänge - ein ebenso anheimelndes urbanes Universum wie Woody Allens New York.

    Rivettes Schauspielerinnen schillern in allen Facetten von Niedlichkeit zu Biestigkeit, ganz wie bei seinem Liebeskomponist Mozart in `Cosi fan tutte". Nicht ohne Grund trägt Camille einmal ein Kleid mit Harlekin-Karo, lösen sich dramatische Ansätze in unvorhergesehen buffonesken Humor auf. Meisterlich, wie Rivette kleine Verschwörungen inszeniert und dabei das Drama zum Dramolett und schließlich zur buchstäblich doppelbödigen Komödie umformt. Es gibt immer ein Netz, das Stürze auffängt: das Leben ist ein Theater, in dem jeder verschiedene Rollen spielt. Sogar Pierres Hausphilosoph Heidegger wird in dieser leichtfüßigen welschen Sicht, die als ironischen Kontrapunkt stets gravitätisch klingende deutsche Zitate einfügt, beim Happy End zum `Mann mit dem karierten Hütchen" verkleinert.

    `Va savoir" ist eine amüsante Stilübung und doch weniger nichtig, als sie tut: kein Film für ein Mainstreampublikum, aber ein ebenso intellektueller wie wahrhaftiger Spaß, der eine Ahnung davon gibt, wieso französische Filme Erfolg haben.

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