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  • Kritik: Shakespeare-Boom: Zeitloser Stoff für den Zeitgeist

    Hamburg (dpa) - Shakespeares Werke haben auch nach 400 Jahren noch kein bißchen Patina angesetzt. Derzeit erlebt der britische Dramatiker (1564-1616) auf der Kinoleinwand ein Revival wie selten zuvor. Nach Baz Luhrmans peppiger Hip-Hop Version von

    Der Mann mit dem auf den ersten Blick so natürlichen Lächeln entpuppt sich schnell als Profi. An die 300mal hat Branagh den Hamlet auf der Bühne gespielt. Jetzt mimt er Shakespeares zornigen Dänenprinzen im Film und überläßt in seiner siebten Kinoregiearbeit, mit der er sich einen Jugendtraum erfüllte, nichts dem Zufall. Auch im Gespräch wirkt der 36jährige Brite kontrolliert, setzt seine Worte bewußt, von Spontaneität kaum eine Spur. Wie eine Maske schimmert das bräunliche, für TV-Interviews aufgelegte Makeup auf seinen Wangen, druckreif sind die Worte und klingen fast genau wie die Statements im Presseheft.

    Dennoch setzt Branagh, der mittlerweile als der Shakespeare- Verfilmer schlechthin gilt und für "Henry V" und "Viel Lärm um nichts" begeistert gefeiert wurde, in seiner jüngsten Adaption auf das pralle Leben. Er verlegte die Handlung kurzerhand vom Mittelalter in den Prunk und Pomp des 19. Jahrhunderts. Wortgetreu der literarischen Vorlage folgend, entrollt er einen prächtigen Teppich aus Gefühlen und Leidenschaften, aus Liebe, Haß und Tod. Ein opulentes Spektakel, in dem Julie Christie als Königin Gertrude und Kate Winslet in der Rolle der Ophelia beachtliche Akzente setzen, garniert mit Stars von Jack Lemmon über Gerard Depardieu, Robin Williams, Billy Crystal bis zu Charlton Heston.

    "Mein Hamlet sollte sexy sein", bekennt Branagh mit kokettem Grinsen - mit wasserstoffblondem Kurzhaar und in figurbetonter schwarzer Uniform gelingt ihm das in dem Film durchaus. Ein neugieriger, junger Mann, der an den Einschränkungen seiner Existenz scheitert, ist die Figur für ihn - und damit zeitlos aktuell und für ein modernes Publikum interessant. "Ich glaube, daß mit dem Wort Hamlet jeder etwas anfangen kann, selbst wenn er dabei nur an einen trübsinnigen jungen Mann in Strumpfhosen denkt", sagt der Künstler.

    Doch bei allem Farb- und Bilderrausch, der sich allem erfordlichen Sitzfleisch zum Trotz in rasantem Tempo fortspinnt und das Publikum bei der Stange hält, ist Branaghs Hang zum Narzißmus nicht zu übersehen. Nach der packenden Dramatik seines Henry oder der leichtfüßigen Fröhlichkeit der in der Toskana angesiedelten Komödie "Viel Lärm um nichts" springt der Funke nicht recht über. Branagh- Hamlet umkreist sich selbst - und kann dem Vergleich mit Vorbildern wie Laurence Olivier und Richard Burton nicht so ganz standhalten.

    Insgesamt sechs Hamlet-Verfilmungen hat es bislang gegeben: Eröffnet wurde der Reigen bereits 1920 mit Asta Nielsen in der Titelrolle, zuletzt war Mel Gibson als mittelalterlicher Königssohn in Franco Zeffirellis Verfilmung (1990) zu sehen. Ungebrochen scheint die Faszination von Hamlets tödlicher Rache und Verzweiflung, die im berühmten Monolog über "Sein oder Nichtsein" gipfelt. "Ich fühlte mich wie ein Läufer vor dem 100-Meter-Finale der olympischen Spiele", räumt Branagh Lampenfieber ein. Der Faszination ist er in seiner 20 Millionen Dollar teuren Produktion im Detail erlegen, was auch die Schwächen des Films ausmacht - um es mit Shakespeare zu sagen: "Mehr Inhalt, wen'ger Kunst" oder auch "Kürze ist des Witzes Seele".

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