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  • Kritik: Scorseses Tibet-Epos "Kundun":

    Tibet hat im Kino Hochkonjunktur. Nach dem Abenteurer-Epos "Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt kommt nun Martin Scorseses Dalai-Lama-Porträt "Kundun" auf die Leinwand. Der Meister des amerikanischen Autorenkinos entwirft in seinem Oscar- verdächtigen Werk mit fast meditativer Ruhe und grandiosen Bildern die Vision einer friedliebenden Welt - ein Hochamt für die Sinne.

    In seinen Erfolgsfilmen "Taxi Driver", "Goodfellas" oder "Casino" hatte Scorsese Macht und Gewalt zum großen Thema gemacht. Mit "Kundun" (was übersetzt "Ozean der Weisheit" bedeutet) setzt er seinen eigenen Kontrapunkt. "Mich hat an der Geschichte interessiert, wie ein Mensch der Gewaltlosigkeit auf eine Gesellschaft antwortet, die dem Spirituellen völlig abgewandt ist - auf das maoistische China", sagt der 55jährige Italo-Amerikaner, der einst selbst Priester werden wollte.

    Erzählt wird die wahre Geschichte des tibetischen Bauernjungen Tenzin Gyatso, der mit zwei Jahren von Mönchen als 14. Reinkarnation des "Buddha of Compassion" erkannt und als geistliches und politisches Oberhaupt seines Volkes erwählt wird. Er wächst unter der Obhut von Gelehrten auf. Nach der Besetzung seines Landes durch die Rotchinesen und der blutigen Niederschlagung eines Volksaufstandes muß der Dali Lama, der "Weltgott", 1959 nach Indien fliehen. Im Exil kämpft der Friedensnobelpreisträger bis heute für die Freiheit Tibets.

    Mindestens 80.000 Tibeter fielen allein 1959/60 den Besatzern aus Peking zum Opfer. Statt in Action übersetzt Scorsese diese Greuel in ruhig-schmerzende Bilder. Schon im Vorfeld des US-Filmstarts hatte China massiv protestiert. Um einen offenen Konflikt zu vermeiden, griff der Disney-Konzern, der in der Nähe von Shangai einen riesigen Vergnügungspark bauen möchte, zu ungewöhnlichen Mitteln: Er engagierte den früheren US-Außenminister Henry Kissinger als politischen Berater.

    Das Drehbuch beruht zum großen Teil auf persönlichen Erinnerungen, die der Dalai Lama an Autorin Melissa Mathison weitergab. Fünfzehnmal traf sie mit ihm während der mehrjährigen Recherchezeit zusammen. Auch bei Besetzung und Ausstattung sorgte Perfektionist Scorsese für Glaubwürdigkeit. Als Darsteller verpflichtete er ausschließlich Exil- Tibeter, von denen einige sogar zur weitverzweigten Familie des Dalai Lama gehören. Und für den Aufbau der Hauptstadt Lhasa für die Dreharbeiten in Marokko wurde eigens ein tibetisches Beraterteam eingestellt. "Wir haben versucht, alles so genau wie nur möglich zu machen", sagt Scorsese. "Ich wollte einen unterhaltsamen Film drehen und gleichzeitig die Schönheit und Einmaligkeit Tibets zeigen."

    Die Hauptfigur wird von vier Schauspielern dargestellt. Neben dem zweijährigen Dalai Lama, einem pfiffig-verspielten Kleinkind, ist besonders Tenzin Thuthob Tsarong als Erwachsener eindrucksvoll. Mit sparsamen Gesten macht er die innere Spannung seiner Figur lebendig: das leidenschaftliche Ringen um das Prinzip der Gewaltlosigkeit, die Zweifel und Selbstzweifel angesichts der chinesischen Übermacht.

    Für ingesamt vier Oscars ist der Film nominiert. Besonders die eindringliche Kameraführung von Roger Deakins ("Fargo") und die fremdartig faszinierende Musik von Philip Glass dürften bei der Endausscheidung am 23. März zu den besonderen Favoriten gehören. Scorsese selbst, trotz mehrfacher Nominierung stets leer ausgegangen, hat sich inzwischen eine buddhistische Gelassenheit zulegt: Für ihn seien die Oscar-Zeiten vorbei, sagte er kürzlich. "Dafür habe ich Filme gedreht, die ich wirklich machen wollte."

    Nada Weigelt, dpa

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