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  • Kritik: Schrille Satire über einen Ordnungsfanatiker

    Schwarzfahrer mag er gar nicht, Raser kann er nicht ausstehen, bei Graffiti-Sprayern oder bissigen Hundehaltern sieht er rot: Mux, Anfang dreißig, immer korrekt gekleidet, ordentlicher Haarschnitt, hat seine ganz eigenen Vorstellungen, wie Berlin lebenswerter werden könnte. Und wehe dem, der von Mux und seinen Helfern auf frischer Tat erwischt wird. Die Strafen sind drakonisch.

    Dabei scheint dieser Spinner eigentlich ein ganz netter Kerl zu sein, etwas naiv vielleicht, aber intelligent und irgendwie auch liebenswert. Der zornige Mux (großartig gespielt von Jan Henrik Stahlberg, der auch das Drehbuch schrieb) ist die schillernde Hauptfigur in Marcus Mittermeiers rotzfrechem Debütfilm «Muxmäuschenstill».

    Für lächerliche 40 000 Euro haben Mittermeier und sein Team mit zwei billigen Mini-Videokameras in 25 Tagen diesen Kreuzzug eines Gerechtigkeitsfanatikers realisiert - entstanden ist eine schrille Bestandsaufnahme deutscher Befindlichkeiten, laut Hauptdarsteller Stahlberg «ein Tanz auf einer Rasierklinge». Preise gab es schon etliche vor dem Kinostart, gleich vier beim diesjährigen Max-Ophüls- Festival, für den Deutschen Filmpreis 2004 war «Muxmäuschenstill» in zwei Kategorien nominiert.

    «Manchmal sind wir einfach partisanenartig losgezogen, haben Leute auf der Straße aufgegabelt und spontan reagiert auf das, was passierte», berichtet Produzent Martin Lehwald. So sieht der Film auch aus, Regisseur Mittermeier spricht von einem «Kamikaze-Dreh».

    Mux zieht also in die Schlacht, kämpft wie ein moderner Don Quichote gegen grassierende moralische Verwahrlosung und Gleichgültigkeit. Unterstützt wird er von dem Langzeitarbeitslosen Gerd (Fritz Roth), ein gutwillig-tumber Erfüllungsgehilfe, der alle Missetaten der erwischten Delinquenten mit der Videokamera festhält.

    «Ich bin kein Held», gesteht Mux, ihm gehe es nur um Moral. Oder das, was er dafür hält. Sein unermüdlicher Kampf weitet sich aus, er gründet eine Firma, die schnell expandiert, und verliebt sich. Freundin Kira sagt zu ihm: «Du bist komisch». Aber dies ist leicht untertrieben. Trotzdem scheint Mux zur Ruhe zu kommen in den Armen des Mädchens. Sie sitzen am Wannsee - träumerische Sequenzen, in denen der selbst ernannte Streetworker seine Mission vergisst. Dann eskaliert die ganze Geschichte. Und zwar mörderisch.

    Mittermeiers durchaus riskanter Film wirft einen bösen Blick auf die Trostlosigkeit des deutschen Alltags, die Anonymität und Unbehaustheit unserer Städte. Aber spätestens nach einer Stunde hat sich diese schonungslose Optik im wackligen «Dogma»-Stil verbraucht, und das böse Märchen kommt nur noch mit spekulativen Schockmomenten und Gags über die Runden. Da binden dann Mux und Konsorten Plünderer während des «Jahrhunderthochwassers» vor zwei Jahren an den Marterpfahl, dann steigt die Flut. «Muxmäuschenstill» wirkt bisweilen furchtbar verliebt in die eigenen Einfälle. Weniger wäre mehr gewesen.

    Am Ende zieht es den verrückten Mux - rätselhafterweise auf Goethes Spuren - nach Italien. Er will ganz treudeutsch Ordnung schaffen im Land der Lebenskünstler und Individualisten, doch daran scheitert dieser sehr teutonische Held dann kurz und drastisch. Und lässt die Zuschauer reichlich ratlos zurück.

    dpa

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