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  • Kritik: Schlöndorffs "Unhold"

    Hamburg (dpa) - Es wird einem unheimlich bei diesem "Unhold". Volker Schlöndorff hat einen Film gedreht, der provozierend deutsch ist: Die in einer mittelalterlichen Ritterburg in Ostpreußen heranwachsende Nazi-Elite strahlt um die Wette. Am Himmel dräunen dramatische Wolkenberge, Wagner und Volkslieder ertönen, der Wald ist voller nordischer Mythen und Sagengestalten. Eine davon ist der "Erlkönig", den Schlöndorff als "Unhold" mit einem großen John Malkovich in der Titelrolle aus der Romanvorlage des Franzosen Michel Tournier wiedererweckt hat. Am 12. September läuft das Epos, das jüngst erst bei der Biennale in Venedig positiv aufgenommen wurde, in den deutschen Kinos an.

    Schon bei Erscheinen des Romans hatte es heftige Diskussionen gegeben, ob es dem an Distanz zu Nazi-Deutschland mangelt. Erzählt wird die Geschichte von Abel, einem naiven, kindlich gebliebenen Außenseiter, der als französischer Kriegsgefangener nach Ostpreußen gerät. Erst im Lager, dann im Jagdsitz von "Reichsjägermeister" Hermann Göring und schließlich auf der Ritterburg Kaltenborn, wo hunderte Jungen auf "Deutschtum" und Kriegshandwerk gedrillt werden, erlebt er, wie seine dunklen Phantasien Wirklichkeit werden: Vom romantisierenden Jugendkult bis hin zum brutalen Untergang. Die plakativen Farben, in denen Schlöndorff diese von der Realität so abgehobene Welt malt, wird die Kritiker erneut auf den Plan rufen.

    "Es hat mir Spaß gemacht, das Bild zu bedienen, das viele im Ausland, vor allem in Frankreich, von Deutschland haben", sagt Schlöndorff im dpa-Gespräch. Er wolle aber gerade zeigen, daß ein totalitäres System sehr verführerisch sein könne, weil es jedem eine einfache Lösung anbiete - wie jede Art von Fundamentalismus. Seinen jüngsten Film betrachtet er nach fünf Jahren Pause als sein ambitioniertestes Werk seit der "Oscar"-gekrönten "Blechtrommel" (1973).

    In der Tat hat er bei dem in Paris, Polen, Norwegen und den Babelsberger Studios entstandenen Streifen in die Vollen gegriffen. Das Drehbuch entstand zusammen mit Jean-Claude Carriere ("Blechtrommel"), Tournier wirkte als Berater mit, opulente Ausstattung und Kostüme stammen von "Oscar"-nominierten Größen wie Ezio Frigerio ("Cyrano de Bergerac") und Anna Shephard ("Schindlers Liste").

    Vor allem aber sind es der stoisch-geheimnisvolle John Malkovich, Armin Mueller-Stahl als melancholischer Aristokrat und "Goldeneye"-Bösewicht Gottfried John als warmherzig-störrischer Forstmeister, die den Film zu einem Schwergewicht machen. Keine leichtverdauliche Kost also. Den Vorwurf, eine bizarr anmutende NS-Romantik unkritisch zu feiern, weist Schlöndorff zurück: "Ich schaue auf Abel und Abel schaut auf Deutschland. Wir Deutschen haben große Schwierigkeiten, mit unseren Mythen umzugehen. Abel ist eine esoterische Figur in hanebüchenen Zeiten."

    Ähnlichkeiten zum Blechtrommler Oskar, der aus der Warte des Zwergs seine Umwelt terrorisierte und bitterbös durchschaute, sind gewollt: "Beide haben sozusagen einen Freibrief und einen Hau weg, aber sie sind nicht dumm. Es ist der groteske Blickwinkel auf dieselbe Landschaft." Wenn Abel mit einem verwöhnt-launischen Göring (Volker Spengler) auf Hirschjagd geht, oder im wehenden Mantel, von zwei Dobermännern flankiert, durch die Wälder reitet, ist der Grat zwischen Unheimlichem und Unerträglichem sehr schmal. Das weiß auch Schlöndorff und fügt hinzu: "Sicher ist das meine riskanteste Arbeit bisher."

    Von Andrea Barthelemy, dpa

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