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  • Kritik: Schachfiguren im Spiel der Liebe

    Drehort verbindet sich mit der Handlung

    Nun soll der Großmeister bei einem in aller Welt mit Spannung erwarteten Turnier nach der Krone im königlichen Spiel greifen. Doch wie wird dieser durchaus gut aussehende, aber psychisch extrem labile Mann mit der Herausforderung fertig werden, die der Kampf mit den hochkarätigen Rivalen am Brett bedeutet?

    Das ist die Geschichte, die von Marleen Gorris in dem Film "Lushins Verteidigung" gezeigt wird. Vom 5. September an läuft die Leinwand-Fassung des gleichnamigen Romans von Vladimir Nabokov in den Kinos und wird die Besucher anrühren und begeistern. Denn der holländischen Regisseurin und Oscar-Preisträgerin ist ein großer Wurf, nämlich eine restlos überzeugende Literaturverfilmung, gelungen. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen, ist doch der Weg der Kinogeschichte überreichlich gepflastert mit missglückten, verunstalteten oder banalisierenden Adaptionen bedeutender Romane und Erzählungen.

    Gewiss kann auch Gorris nur bedingt dem schriftstellerischen Glanz und der komplexen Fülle von Nabokovs Novelle um einen Mann, der von zwei Leidenschaften überfordert wird, gerecht werden. Das war aber auch bei Stanley Kubricks berühmter "Lolita"-Verfilmung von 1960 nicht anders. Wer Nabokovs unvergleichliche Kunst pur erfahren will, muss eben Nabokov lesen. Gleichwohl hat Drehbuchautor Peter Berry aus der Vorlage eine Leinwandfassung destilliert, die vor malerischer Kulisse das Drama und kurze Liebesglück eines genialen Mannes entfaltet.

    Auch die Rückblenden in das großbürgerliche Elternhaus des kleinen Alexander im zaristischen Russland sind dramaturgisch geschickt plaziert. Gerade hier verbindet sich das hervorragende Drehbuch bestens mit der feinfühligen Inszenierung. Gorris hatte 1995 mit ihrem Frauenepos "Antonias Welt" 1995 den Durchbruch geschafft und war dafür auch später mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Streifen ausgezeichnet worden.

    Nicht weniger entscheidend für die Klasse des Films sind die beiden Schauspieler in den Hauptrollen: Der Amerikaner John Turturro als Lushin und die Britin Emily Watson als jene Natalia, die sich gegen alle Widerstände in ihn verliebt, Lushin das größte Glück seines Lebens schenkt, jedoch nicht retten kann.

    Turturro, von der äußerlichen Erscheinung ohnehin wie geschaffen für diese schwierige Figur, agiert unter der Regie der Holländerin ohne jede Übertreibung. Davor war der Schauspieler in früheren Rollen nicht immer gefeit, in "Lushins Verteidigung" nun ist er großartig: anrührend hilflos dem Leben und der Liebe ausgeliefert. Doch Emily Watson, die noch jede Rolle zum Ereignis gemacht hat, steht ihrem Partner in nichts nach. Sie macht diese Natalia aus einer aristokratischen Familie exilierter Russen sogar zur positiven Identifikationsfigur des Films.

    Mit welcher unbeugsamen Beharrlichkeit diese Natalia ihren Gefühlen zu dem lebensfremden, meist völlig in seine Schachprobleme eingesponnenen Lushin folgt, wie sie selbst ihn in die Wonnen der Liebe und Sexualität lockt, wie sie schließlich sein Vermächtnis einlöst - das ist eine faszinierende Leistung Watsons und zugleich Kino der Gefühle, bei dem niemand unter seinem Niveau mitempfindet. Auch die zahlreichen Nebenrollen des aufwendig gemachten Films sind bestens besetzt.

    Traumhaft schön ist der Drehort am Comer See. Dort wurde die reich verzierte Villa Erba aus dem 19. Jahrhundert in jenes Hotel verwandelt, in dem Lushin wie Natalia wohnen und das Schachturnier stattfindet. Aber die Schönheit des Ortes wird nie zum oberflächlichen Kulissenzauber, sondern verbindet sich organisch mit der Handlung, deren tragische Zuspitzung unabwendbar ist. "Lushins Verteidigung" ist auf Anhieb ein Klassiker des Schach-Films. Aber auch wem dieses Spiel fremd oder gleichgültig bleibt, wird bezaubert von den Bildern einer vergangenen Welt und einer großen Liebe zwischen zwei Verlorenen.

    Wolfgang Hübner, AP

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