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  • Kritik: Rührseliger Kirchenfilm mit Bob Hoskins als Papst

    In den vergangenen Jahren ließen religiöse Filme wie «Luther» mit Joseph Fiennes und vor allem «The Passion» von Mel Gibson die Kinokassen überraschend kräftig klingeln. Gute Drehbücher, herausragende schauspielerische Leistungen und intensive Filmszenen (etwa des Leidens Jesu Christi) berührten nicht nur christliche Kinofans.

    Jetzt startet mit der Papst-Biografie «Johannes XXIII. - Für eine Welt des Friedens» allerdings eine allzu rührselige, bisweilen frömmelnde Produktion, die das Zeug zum Publikumserfolg nicht mitbringt. Selbst der Verleih NFP ist skeptisch und schickt bundesweit nur knapp 30 Kopien in die Lichtspielhäuser - vor allem in Großstädte in katholischen Regionen der Republik und in Berlin.

    Dabei spielt immerhin Bob Hoskins die Hauptrolle. Der britische Filmstar hat bereits zahlreiche historische Persönlichkeiten verkörpert, darunter die Diktatoren Mussolini und Stalin sowie FBI- Chef Edgar Hoover. Als Papst Johannes XXIII. (1881-1963) muss Hoskins allerdings keine charakterliche Bandbreite von gut bis böse zeigen - diesmal reicht das Gute. Hoskins (selber ein Atheist) spielt einen durch und durch gütigen Mann Gottes, den weder Machtkämpfe in der Kurie noch die politisch-sozialen Umbrüche des 20. Jahrhunderts in seinem Glauben und Optimismus erschüttern können.

    Das mag historisch durchaus angemessen sein. Über Johannes XXIII. urteilte sogar der sowjetische KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow: «Dieser Papst ist ein Heiliger.» Und nach Ansicht des vom Vatikan gemaßregelten Tübinger Theologen Hans Küng hat mit Johannes XXIII. «das Mittelalter in der Kirche aufgehört». Die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz lobte die Natürlichkeit und tiefe Humanität des Kirchenoberhaupts: «Johannes - das war ein als Papst verkleideter Mensch.»

    Lebensstationen: Giovanni Roncalli, 1881 in Sotto il Monte bei Bergamo geboren, stammte aus bescheidenen bäuerlichen Verhältnissen. Schon als Kind wollte er Priester werden. 1918 Militärdienst, zunächst als Sanitätssoldat, später als Militärgeistlicher. 1925 Bischofsweihe, für die Kurie tätig in Bulgarien, von 1935-1944 Apostolischer Delegat für Griechenland und die Türkei. Die Nähe zu den orthodoxen Christen verstärkte in ihm das Bedürfnis nach Einheit der Kirche. Während des Zweiten Weltkrieges konnte er Deportationen griechischer Juden verhindern. 1953 wurde er Patriarch von Venedig, 1958 Papst. 1959 kündigte Johannes XXIII. das Konzil an, das 1962 eröffnet werden sollte.

    Das Zweite Vatikanum (1962-1965) öffnete die Kirche der modernen Gesellschaft hin und ebnete den Weg zum Dialog der lange unversöhnlich gegenüber stehenden Konfessionen und Religionen. Seine letzte Enzyklika «Pacem in terris» (Frieden auf Erden, 1963) richtete sich nicht nur an die Katholiken, sondern an alle Menschen guten Willens - ein Novum. Darin erklärte es es für unmöglich, den Krieg im Atomzeitalter als Mittel der Gerechtigkeit zu benutzen, einen gerechten Krieg könne es nicht geben. Am 3. Juni 1963 stirbt der krebskranke Pontifex. Im Jahr 2000 wir Johannes XXIII. von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen, die Heiligsprechung steht noch aus.

    Angesichts der historischen Fakten dieses beeindruckenden Lebens könnte der Film auf Zurückhaltung setzen und dennoch Wirkung entfalten. Doch Regisseur Ricky Tognazzi, Sohn des Komödienmachers Ugo Tognazzi («Ein Käfig voller Narren»), zeigt heimelige Bilder in Erdfarben, etwa um die bäuerliche Kindheit von Giovanni zu schildern. Dazu gibt es pathetische Äußerungen aus Kindermund: «Ich will Priester werden, alles andere ist unwichtig.» Außerdem wirkt die religiös-kitschige Filmmusik von Ennio Morricone («Spiel mir das Lied vom Tod») meistens zu aufgesetzt.

    Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der erstarrten, von Machtkalkül dominierten Kurie bleibt aus. Und unter die Haut gehen einige wenige Passagen, in denen historische Aufnahmen eingespielt werden - etwa Fernsehbilder von russischen Schiffen bei der Kuba- Krise, als die Welt an der Schwelle eines Atomkriegs stand - unterlegt mit dem eindringlichen Friedensappell des Papstes. Johannes XXIII. hat mehr verdient als ein cineastisches Heiligenbildchen.

    dpa

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