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  • Kritik: Redford brilliert als Schauspieler und Regisseur

    "Seit jenem Augenblick, als dem ersten Pferd ein Halfter angelegt wurde, gab es unter den Menschen einige wenige, die in die Seele der Tiere schauen konnten. Oft hielt man sie für Zauberer, vielleicht waren sie das auch." So beschreibt der Schriftsteller Nicolas Evans seinen Titelhelden in "Der Pferdeflüsterer".

    Hollywood-Star Robert Redford wagte sich nicht nur an die Verfilmung des 1995 erschienenen Millionenbestsellers, er verkörpert auch den sanften Pferdeheiler Tom Booker. Das Experiment des Schauspielerns und Regieführens in einer Person hat sich gelohnt: Dem 60jährigen Kinohelden gelang ein Film der großen Gefühle, ohne dabei auf das Niveau einer kitschigen Seifenopfer abzurutschen.

    Bereits in den ersten Minuten zieht die Handlung des Streifens, der am 24. September anläuft, den Zuschauer in Bann: Die 14jährige Grace Mac Lean (Scarlett Johansson) kollidiert bei einem Ausritt mit ihrem Pferd Pilgrim auf eisglatter Straße mit einem Lastwagen. Ihre mitreitende Freundin kommt dabei ums Leben. Zurück bleiben zwei Lebewesen mit schweren körperlichen und seelischen Verletzungen. Das Mädchen muß mit der Amputation eines Beins leben und versinkt in Depressionen. Das völlig verstörte Pferd läßt keinen Menschen mehr an sich heran.

    Graces Mutter Annie, gespielt von Kristin Scott Thomas (sie war die Geliebte des "englischen Patienten"), entscheidet sich trotzdem gegen die Tötung des Tiers. Die Chefredakteurin einer renommierten Zeitschrift spürt instinktiv, daß die Genesung ihrer Tochter nur gelingen kann, wenn auch das Pferd seine grenzenlose Furcht verliert.

    Kurzentschlossen läßt die Karrierefrau ihren Mann Robert (Sam Neill) in New York zurück und macht sich mit der apathischen Grace und dem kaum noch zu bändigenden Pilgrim im Anhänger auf den Weg in den Wilden Westen, quer durch den amerikanischen Kontinent. Ihr Ziel ist die Farm von Tom Booker in Montana. Aus Zeitungsberichten hat Annie erfahren, daß der Rancher als einer der besten Pferdeheiler gilt. Nach anfänglichem Zögern willigt Tom ein, Pilgrim zu behandeln. Über viele Wochen hinweg kommen sich nicht nur der "Pferdeflüsterer" und sein Patient näher, auch Mutter und Tochter fassen wieder Vertrauen zueinander.

    Zu guter Letzt brechen auch zwischen dem naturverbundenen Tom und der Städterin Annie Gefühle auf. Als Annies Mann zu Besuch auf der Farm erscheint, steuern die Ereignisse auf ihren Höhepunkt zu: Der überglücklichen Grace gelingt es mit Toms Hilfe, wieder auf Pilgrim zu reiten; gleichzeitig wird Annie bewußt, daß sie sich zwischen dem Pferde-Experten und ihrem Angetrauten entscheiden muß.

    Daß "Der Pferdeflüsterer" nicht zur Tierschnulze a la "Black Beauty" verkommt, verdankt der Film wohl auch der Beratung eines professionellen Pferdetrainers. Regisseur Redford hatte sich mit dem US-Amerikaner Buck Brannaman den Mann zur Seite geholt, der schon Bestseller-Autor Evans als Vorbild für sein Buch diente. Die Zähmung des wildgewordenen Pilgrim wirkt daher nicht wie Wildwest-Hokuspokus, sondern geschieht unaufgeregt, einfühlsam.

    Redford selbst sagte in einem Interview über die Kunst des "Pferdeflüsterns": "Statt ein Pferd in Gehorsam zu prügeln, ist es ein Weg, Vertrauen und Verständnis zu entwickeln... Es geht darum, zu verstehen, wer man selbst ist, und ein anderes Lebewesen neben sich zu akzeptieren." Ein Held, der so etwas könne, sei viel interessanter als ein Cowboy, der zehn Leute erschieße und anschließend zum Kartenspielen gehe.

    Außergewöhnliches bietet der Film auch beim Umgang mit Licht. Während der Szenen des tödlichen Unfalls und der Isolation von Grace in New York umgibt eine schwarze Maske die Leinwand. Ein Braun- und Grauschleier scheint über den Szenen zu liegen. In dem Moment jedoch, in dem der Schauplatz in die Berge Montanas wechselt, öffnet sich die Leinwand zu einem vollen Cinemascope-Bild. Den hereinbrechenden Farben tiefgrüner Pferdekoppeln und blaßgelben Sonnenlichts, gepaart mit dem grenzenlos erscheinenden Blick über unberührte Landschaft, kann sich der Zuschauer kaum entziehen.

    Fehl am Platz wirkt nur die aus dem Buch übernommene Überzeichnung der Gegensätze zwischen der Städterin Annie und der ländlich geprägten Booker-Familie. Annies Darstellung gehorcht dem platten Prinzip, wonach erfolgreiche Frauen gar nicht anders können, als kühle und engherzige Wesen zu sein. Die Bookers scheinen dagegem einer Werbebroschüre für Farmurlaub im Wilden Westen entsprungen zu sein: Hart arbeitende Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck tragen und denen ein gut durchgebratenes Steak über alles geht.

    Doch Redford und sein Drehbuch-Autor Eric Roth ("Forrest Gump") kriegen die Kurve, indem sie immer wieder Klischees durchbrechen. Naturbursche Tom bekennt beispielsweise, daß seine große Liebe einer Geigerin galt, die nichts mit Pferden am Hut hatte. Und seine Schwägerin Diane, die perfekte Farmersfrau, wünscht sich nichts sehnlicher als einen Exotik-Urlaub.

    Nicht hoch genug angerechnet werden kann dem Regisseur Redford auch, daß er den Kitsch aus dem Ende des Buches nicht eins zu eins auf sein Werk überträgt. In dem Bestseller kommt Tom bei einem Unfall ums Leben, während Annie sich gerade dazu entschlossen hat, die Scheidung einzureichen. In dem viel lebensnäheren Schluß des Films versucht die Hauptdarstellerin dagegen, während einer langen Autofahrt Klarheit über ihre Gefühle zu gewinnen - Ausgang ungewiß.

    Stefanie Kreiß, AP

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