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  • Kritik: Recht und Gerechtigkeit sind leider zweierlei

    Der Fall bewegte zwei Jahre lang die englische Öffentlichkeit: 1908 wurde ein 13-jähriger Schüler von einer Kadettenanstalt der Navy verwiesen, weil er für schuldig gehalten wurde, eine Postanweisung über fünf Schilling gestohlen zu haben.

    Der Junge stritt die Tat ab, sein Vater glaubte ihm und begann einen juristischen Streit um die Rehabilitierung seines Sohnes. Das war damals ein ungeheuerlicher Fall, denn die Krone, vertreten durch die Admiralität und diese wiederum durch die Leitung der Schule, konnte sich nach traditionellem Rechtsverständnis nicht irren.

    Die Familie des Jungen verlangte dagegen Gerechtigkeit und engagierte einen teuren Staranwalt. Unter den Engländern mit ihrem Sinn für Traditionen und für Fair Play bildeten sich zwei Parteien. David Mamet hat nun Terence Rattigans Theaterstück "The Winslow Boy" aus dem Jahr 1946 erneut verfilmt. Das Stück spielt ausschließlich im Haus der betroffenen Familie. Mamet, selbst ein außerordentlich produktiver Theater- und Drehbuchautor, hat zwar einige Szenen an anderen Schauplätzen hinzugefügt, über das Rehabilitierungsverfahren aber nur in den Dialogen berichtet.

    Dieses Verfahren aus dem Theater macht paradoxerweise die Qualität des Films aus. "The Winslow Boy" ist ein altmodischer Film, der nicht die Höhepunkte der Handlung in Bildern zeigen muss. Ihm ist das Verhalten der Personen wichtiger, und er beobachtet genau deren Veränderungen. Der alte Vater des Jungen, Arthur Winslow (Nigel Hawthorne), wird krank. Die Mutter (Gemma Jones) hat Mühe, die Familie zusammen zu halten. Bruder Dickie (Matthew Pidgeon) muss sein Studium aufgeben, weil das Geld nicht mehr reicht. Die Verlobung der Tochter Catherine (Rebecca Pidgeon) platzt wegen der zweifelhaften Berühmtheit der Winslow-Familie.

    Catherine gerät immer mehr ins Zentrum des Films. Sie droht mit ihren beinahe 30 Jahren eine alte Jungfer zu werden - ein Schicksal, das ihr der Vater empfiehlt, als er vom Heiratsantrag des so biederen wie langweiligen Familienanwalts hört. Der von der Familie beauftragte Staranwalt Sir Robert Morton (Jeremy Northam) und Catherine bilden das eigentliche Paar in dem Film. Der konservative Karrierist und die engagierte Frauenrechtlerin, die ihn wegen seiner Gesinnung ablehnt, sind wie Hund und Katze. Beide verbindet aber ein unmäßiger Stolz, der ihnen auch den Sinn für Gerechtigkeit schärft.

    Mamet führt gewohnt präzise ein ausgezeichnetes Ensemble von Schauspielern. Nigel Hawthorne spielt den Bilderbuch-Patriarchen mit eher zurückgenommenen Tönen, Jeremy Northam gibt einen köstlich blasierten Sir Robert. Mamets Ehefrau Rebecca Pidgeon glänzt in der Kunst der Andeutungen. In meisterhaften Dialogen aus einer Zeit, als die Kunst der Konversation noch beherrscht wurde, werden unangenehme Dinge heruntergespielt, entscheidende Gefühle nicht gezeigt. Hier gehen Theater und gesellschaftliche Konventionen ineinander über. Die Handlung wurde ins Jahr 1912 verlegt und damit kurz vor dem Ersten Weltkrieg, der diese Epoche beendet hat.

    Doch die Frage nach Recht und Gerechtigkeit bleibt nach wie vor aktuell. Mit all den Auslassungen, Spiegelungen und Berechnungen treibt der Film ein höchst originelles Spiel. Ein Gerichtsfilm ohne Gerichtsszene, ein Film über ein Paar ohne Liebesszene: "The Winslow Boy" ist eine Kostbarkeit im Kino: intelligente Unterhaltung.

    Claus Wecker, AP

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