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  • Kritik: Realistisches Milieu, glaubwürdige Figuren

    Nichts Neues also in Frankfurt an der Oder?

    Uwe Kukowski, der eine Imbissbude betreibt, ist ein unsentimentaler Mann, seine Frau Ellen eine nüchterne, ehelich frustrierte Verkäuferin. Chris Düring, Funkmoderator eines Privatsenders, verkauft sich zwar krampfhaft locker als "Magic Chris", aber von dieser Magie spürt Gattin Katrin allzu wenig.

    Katrin arbeitet am stets überfüllten Grenzübergang zu Polen, wo sie den Lastern Stellplätze zuweist. Die Ehepaare sind miteinander befreundet, fahren gemeinsam in Urlaub und schauen sich die Dias davon an. Dann geschieht es: Zwischen Chris und Ellen funkt es erotisch, bald treffen sich beide zu heimlichen Schäferstündchen. Es ist nicht große Leidenschaft, die beide zueinander treibt, sondern die Sehnsucht nach etwas Abwechslung und Bedeutung im Alltag, der vom ermüdenden Existenzkampf gezeichnet ist.

    Zehn Monate mussten vergehen, bis mit "Halbe Treppe" der erste wichtige, dazu rundum geglückte deutsche Film des Jahres nun am 3. Oktober in die Kinos kommt. Dabei hatte das 105 Minuten lange Werk des 39-jährigen Regisseurs Andreas Dresen schon bei der Berlinale im Februar große Anerkennung bei Publikum und Kritik gefunden, der Gewinn des Silbernen Bären im Wettbewerb war der verdiente Lohn.

    Denn Dresen zeigt mit seinen wunderbaren Schauspielern, wie milieu-echt, originell und auf anregende Weise unterhaltsam auch deutsche Filme sein können, wenn sie sich nur endlich einmal auf die Realität und die darin verwobenen Menschen einlassen.

    Mit ganz kleinem Team, wenig Geld, ohne Drehbuch, aber einer guten Grundidee sowie unverbrauchten Schauspielern, die mit intelligenter wie sensibler Improvisation Figuren aus Fleisch und Blut auf die Leinwand bringen, ist Dresen dieser Beweis gelungen. Nur solche Produktionen zeigen, wie sich das einheimische Filmschaffen gegen die Hollywood-Flut behaupten kann. Der in der DDR aufgewachsene und ausgebildete Dresen hat bereits in seinen früheren Arbeiten dieses Talent gezeigt. Mit "Halbe Treppe" rückt der sympathisch zurückhaltende Sohn eines berühmten Theatermachers ganz nach vorn.

    Dresens Film ist aber auch die Begegnung mit Typen und Gesichtern, die in Erinnerung bleiben: Allen voran Axel Prahl als dicklich-gutmütiger Uwe, der Eisbeine in der Badewanne lagert und seine untreue Frau treuherzig mit einem Möbelkauf nach dem Motto "Neue Küche, neues Glück" zurückgewinnen will. Und seine Film-Ehefrau Ellen wird von Steffi Kühnert zu einer Frau gestaltet, die größere Gefühle leben will, als das reale Leben ihr vergönnt. Thorsten Merten als verkrampft flotte Funkstimme Chris zeigt einen Mann, der sich unter seinen intellektuellen Fähigkeiten verkaufen muss. Dieser Misere entflieht er in eine perspektivlose Affäre.

    Gabriela Maria Schmeide als seine Frau Katrin rührt die Zuschauer an mit ihrem sehnsuchtsvollen Blick, dem Schmerz nach der Aufdeckung des Ehebruchs, diesem tapferen Willen zum Weitermachen. "Halbe Treppe" enthält mehr kleine Tragödien, verletzte Gefühle, präzise Orts- und Milieubeobachtungen, aber auch szenischen Witz und schlagfertige Dialoge als etliche millionenschwere Großproduktionen zusammen. Und einen Wellensittich namens Hans Peter sowie die musizierenden "17 Hippies" schließt der Kinobesucher auch ins Herz.

    Am Ende des Films ist nichts mehr, wie es war, und doch wird alles weitergehen. Uwe wird unverdrossen die Currywurst an seinem Imbiss "Halbe Treppe", der dem Film den Titel gibt, verkaufen; Christian wird erfundene Horoskope ins Mikrofon sagen, die Frauen werden sich um Wohnungen und die Kinder kümmern - aber eine von ihnen in neuen Wänden, die andere mit neuen Gefühlen. Nichts Neues also in Frankfurt an der Oder? Oh doch: Ein Film von 105 Minuten, der aus dieser bislang so glanzlos erscheinenden Stadt einen Ort macht, wo Menschen wohnen, von denen wir uns so dankbar und höchst ungern verabschieden wie von der Grenzstadt.

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