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  • Kritik: Preisgekrönter Film über Schizophrenie

    "Wie wir die Welt sehen ist ein Konstrukt unseres Gehirns"

    In Hans Weingartners preisgekröntem Film "Das weiße Rauschen" lässt sich nachvollziehen, wie die Krankheit von Lukas Besitz ergreift und sein Wahrnehmungssystem zusammenbricht.

    Der 21-Jährige kommt in die Großstadt und will studieren. Doch schon mit dem Einschreiben klappt es nicht, Lukas kapituliert vor dem labyrinthischen Moloch. Die erste Verabredung mit einem Mädchen endet im Debakel: Der Film, den er ausgesucht hatte, läuft an einem anderen Tag. Lukas rastet aus. Dann kommen die Stimmen, dann der Zusammenbruch, der Aufenthalt in der Psychiatrie.

    Nach der Einnahme von Medikamenten, die nicht nur die Stimmen, sondern auch ihn platt machen, sucht er nach einem Zustand, in dem er unabhängig von anderen leben kann. Lukas sucht das weiße Rauschen, denn: "Wer das weiße Rauschen sieht, wird sofort wahnsinnig. Es sei denn, er ist schon wahnsinnig. Dann wird er wieder normal."

    Der Film verdankt sein Motiv einer Philosophievorlesung von Hans- Ulrich Reck, die Hans Weingartner an der Medienhochschule in Köln gehört hat. Physikalisch beschreibt das weiße Rauschen einen Zustand mangelnder Differenzierung, in dem die Wahrnehmungscodes außer Kraft gesetzt sind. Für Weingartner ist es ein Sprachbild für den Zustand des Schizophrenen: "Er wird von Informationen überflutet, die er nicht mehr filtern kann. Er wird also ständig überfordert. Er sucht Ruhe und Frieden. Für mich besteht die absolute Ruhe in der Summe aller Informationen, die sich dann gegenseitig wieder auslöschen."

    Mit dem Thema Schizophrenie hatte sich Weingartner schon intensiv während seine Studiums der Cognitive Science auseinander gesetzt. Er kennt Betroffene, die wie Lukas in seinem Film mit aller Kraft gegen den Wahn ankämpfen und versuchen, in die Realität zurückzufinden. Er fand es an der Zeit, ein realistischeres Bild von einer Krankheit zu vermitteln, abseits von Stereotypen. Das ist ihm in diesem authentischen Film und vor allem auch mit Hauptdarsteller Daniel Brühl gelungen. Der Sog der Krankheit, die Irritation, die Panik, die Paranoia, all das braucht hier keine hochdramatische Inszenierung.

    "Das weiße Rauschen", Weingartners Abschlussfilm und im vergangenen Jahr mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, wurde mit kleinem Team auf DVD-Kamera gedreht. So vermittelt er in aller Direktheit, wie es ist, wenn Außen- und Innenwelt nicht mehr miteinander korrespondieren: Wie Lukas die Welt sieht, und wie die Welt ihn sieht. Im Film sind beide Perspektiven miteinander verknüpft. "Das weiße Rauschen" ist auch ein Film über die Wahrnehmung von Wirklichkeit. "Wie wir die Welt sehen", sagt Hans Weingartner, "ist ein Konstrukt unseres Gehirns".

    Gabriele Meierding, dpa

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