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  • Kritik: "Powder"

    Wen der Blitz aus heiterem Himmel trifft, entscheidet zumeist der Zufall. Oder das Drehbuch. In Victor Salvas schwermütig-sentimentaler Science-fiction-Parabel auf den gesellschaftlichen Umgang mit Außenseitern ist es eine Schwangere, der es trotz Gewitter vergönnt ist, ihr Kind zur Welt zu bringen. Allerdings weist Powder (Sean Patrick Flanery) gravierende Unterschiede zu seinen Altersgenossen auf: Der Kopf ist kahl, die Haut kalkweiß, und die traurigen Augen schimmern violett.

    Doch Powder hat noch mehr zu bieten: Als er Jahre später völlig verängstigt im Keller eines abgelegenen Farmhauses aufgegriffen wird, steckt die Polizei den eigenbrötlerischen Knaben in ein Heim für schwererziehbare Jugendliche. Und hier läßt dieser gleich am ersten Tag nicht die Puppen, sondern das Eßbesteck tanzen. Powder entpuppt sich, sehr zum Befremden seiner Umgebung, als wandelndes Energiebündel, der locker mehrere tausend Volt durch seinen hageren Körper strömen lassen kann, ohne Schaden zu nehmen. Daß er zudem auch noch über einen genialen Intellekt verfügt, läßt die Entfremdung zu seinen Mitmenschen noch wachsen. Doch niemand, bis auf die gütige Schulleiterin (Mary Steenburgen) und den von den übernatürlichen Gaben des Jungen faszinierten Physiklehrer Ripley (selbst etwas versponnen: Jeff Goldblum), will mit dem Wunderknaben etwas zu tun haben.

    Und so irrlichtert Powder durch eine Welt der Ablehnung und Intolerenz, nur noch beseelt von dem Gedanken, nach Hause zu wollen. Wo dieses Zuhause allerdings liegt, verrät er nicht.

    Manchmal sind Märchen zu wahr, um schön zu sein. Vor allem, wenn es ihnen an ausreichender Phantasie fehlt. Regisseur Victor Salva bemüht sich redlich, seinem Kinomärchen das rechte Maß an Poesie zu verleihen und die Botschaft klar und deutlich zu formulieren: Auch Menschen, die anders sind, sollten wir akzeptieren. Das klingt ebenso ehrenhaft wie simpel. Und genauso hat Salva auch inszeniert. Er setzt auf visuell beeindruckende Spezialeffekte und drückt zugleich auf die Tränendrüse. Wenn Powder von einem knisternden Energiestrahl im Physikunterricht getroffen und davon in die Luft gehoben wird oder einem sterbenden Reh im Wald, von marodierenden Pfadfindern getroffen, die heilende Hand auflegt, dann bekommen diese Augenblicke zwar Spielbergsche Dimensionen und gewinnen spielend die Gefühle des Zuschauers. Doch im nächsten Augenblick stammelt Ripley alias Goldblum angesichts der phantastischen Gaben seines Schülers etwas von "genial, überwältigend", und schon ist der Zauber des Augenblicks vorüber. Auch die immer wieder auftauchenden Nebenfiguren wie Ripley, die gutherzige Schulleiterin oder auch der trübsinnige Sheriff Barnum, führt Salva nur oberflächlich ein und verrät nur wenig über sie.

    "Powder" ist der bemühte Versuch, Science-fiction und Märchen zu einem Ganzen zu verquicken, doch die Ansätze reichen leider nur für ein unausgegorenes Rührstück und leiden an zunehmendem Spannungsabfall.

    "Powder" (USA) 1995: 111 Minuten. FSK: frei ab zwölf Jahren. Regie: Victor Salva. Darsteller: Sean Patrick Flanery, Jeff Goldblum, Mary Steenburgen.

    Copyright: , 6.6.1996

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