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  • Kritik: Potente als neues deutsches Gretchen

    Sissi hieß die populärste Figur des deutschen Nachkriegskinos. Sissi heißt auch jene blonde Krankenschwester in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt Birkenhof. Sie ist die Heldin in Tom Tykwers mit Spannung erwartetem neuen Film "Der Krieger und die Kaiserin". Sissi würde aber besser Gretchen heißen, denn so altdeutsch und treuherzig wie die Krankenschwester war die kapriziöse Gemahlin des seligen Donaumonarchen keineswegs.

    Unsere moderne Sissi jedenfalls ist von geradezu quälendem Edelmut: Sie waltet unermüdlich als gute Fee ihrer ziemlich krass gestörten Patienten. Bei dem lüsternen Steini zum Beispiel legt Sissi auch schon mal Hand unter der Bettdecke an, um ihm eine schlaffördernde sexuelle Verrichtung abzunehmen. Als sie einen Unfall erleidet, rettet der ausgediente Bundeswehr-Freiwillige Bodo der jungen Frau das Leben. Später im Krankenhaus erinnert sich Sissi an den Mann, der spurlos verschwand und dazu auch einigen Grund hatte.

    Aber Sissi ist entschlossen, ihren Retter zu finden. Und natürlich findet sie ihn auch: Am Rande von Wuppertal, Handlungsort des Streifens, entdeckt sie ihn in einem einsamen Holzhäuschen. Dort lebt Bodo mit seinem älteren Bruder Walter. Bodo ist wenig begeistert von Sissis Interesse an ihm. Denn ihn peinigt die Erinnerung an den Unfalltod seiner Frau, außerdem plant er einen Banküberfall. Doch der unbeirrbaren Hartnäckigkeit unseres modernen Gretchens entkommt auch der körperlich gestählte, stets mürrische "Krieger" nicht.

    Zu sehen ist leider keine wirklich berührende, glaubwürdige Geschichte, die von diesem Land, unserer Zeit und den Menschen darin handelt. Hingegen müssen wir uns einlassen auf das ziemlich aufgeblasene Konstrukt eines hochbegabten Filmemachers, der offenbar eigentlich nichts zu erzählen hat.

    Schon bei seinem Erfolgsfilm "Lola rennt" war nur eine sehr banale Geschichte die Grundlage, die allerdings in drei Varianten rasant und voll visuellem Einfallsreichtum gezeigt wurde. In dem neuen Film von Tykwer gibt es zwar auch wieder bemerkenswerte Bilder und Szenen, die aber die befremdliche Ausgedachtheit der Geschichte nicht verbergen können. Am meisten hat Sissi-Darstellerin Franka Potente darunter zu leiden, seit "Lola rennt" ein Star des einheimischen Films. Sie wandelt durch das Geschehen wie eine Schlafwandlerin, seltsam abwesend, seltsam abgehoben von der Realität, seltsam unecht.

    Benno Fürmann als "Krieger" hingegen ist da weit mehr bei sich selbst. Denn ein schlechtgelauntes Gesicht machen kann dieser Schauspieler hervorragend. Völlig verschenkt wird hingegen das große Potenzial von Joachim Krol, der als Bodos Bruder keine angemessene Rolle und Papier-Dialoge hat. Lars Rudolph als Steini profiliert sich neuerlich als dämonischer Kinski-Typ mit sanfter Stimme.

    Wuppertal, die Heimatstadt Tykwers, bleibt leider nur Kulisse. Die Musik von Reinhold Heil und Johnny Klimek ist präzise, originell und eigenwillig wie auch in den vorangegangenen Filmen Tykwers. Kameramann Frank Griebe liefert erneut eine hervorragende Arbeit ab.

    Bei allen kritischen Einwendungen ist nicht zu übersehen: Tom Tykwer ist hier zu Lande der mit Abstand interessanteste und begabteste Filmemacher. Mit besseren Geschichten als "Der Krieger und die Kaiserin" wird er auch international seinen Weg gehen. Vielleicht wird schon sein nächster Film "Heaven" nach einem Drehbuch des verstorbenen Polen Krysztof Kieslowski unter Beweis stellen, dass nur mit einer herausragenden Vorlage großes Kino zu machen ist.

    Wolfgang Hübner, AP

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