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  • Kritik: Politisches Kino mit wenig Politik

    Diese Tage im Sommer 1980 veränderten die Welt. Als im August die Arbeiter der Lenin-Werft in Danzig auf die Straße stürmen, haben sie den Sturz des Regimes nicht im Sinn.

    Sie fordern die Wiedereinstellung ihrer Kollegin Anna Walentynowicz, die fünf Monate vor ihrer Pensionierung entlassen wurde. Die zierliche Kranführerin hat es gewagt, bessere Arbeitsbedingungen für ihre Kollegen zu verlangen. In Folge der Proteste entsteht die unabhängige Gewerkschaft «Solidarität», die zehn Jahre später die Demokratisierung Polens und damit das Ende des Kommunismus einleitet.

    In Volkers Schlöndorffs «Strajk - Die Heldin von Danzig» ist Katharina Thalbach als Stahlarbeiterin Agnieszka jene Anna Walentynowicz aus der Lenin-Werft. Die allein Erziehende plagt sich mit ihrem Sohn Krystian durch den Alltag im real existierenden Sozialismus, legt sich mit Partei- und Gewerkschaftsbonzen an und findet im grauen Einerlei noch Zeit für die Liebe zu Trompeter Kazimierz (Dominique Horwitz).

    Ob Witwenrente, Frauentoilette oder Akkord-Druck - immer wieder drängt Agnieszka die «Führung» auf eine humane Behandlung der Arbeiter. Dabei gilt die Agnieszka bei der Spitze von Partei und Gewerkschaft als Vorbild. Sie legt sich für den Betrieb krumm, schiebt Überstunden, prangert den Schlendrian an und will die Schweißnaht am Schiffsrumpf ganz genau ziehen.

    Als Dank bekommt sie einen Fernseher und wird mit einem Orden ausgezeichnet. Doch als Agnieszka Zeugin eines Unglücks mit vielen Toten wird, fühlt sie sich in ihrem Widerspruchsgeist herausgefordert. Das Drama von Danzig - es ist ein attraktiver Kinostoff. Bereits Polens Regiealtmeister Andrej Wajda hatte dem «Solidarnosc»- Mitbegründer und späteren Friedensnobelpreisträger Lech Walesa ein filmisches Monument gesetzt.

    Mit dem «Mann aus Eisen» von 1981 drehte Wajda nur ein Jahr nach den Danziger Protesten einen hochexplosiven Film und ein historisches Dokument zugleich. Wajdas Chronik der laufenden Ereignisse schöpft seine Kraft aus dem unmittelbaren Erlebnis der Rebellion. Schlöndorffs Film blickt auf den Aufstand der Arbeiter dagegen wie durch ein zeithistorisches Fernglas.

    Schon einmal hatte Schlöndorff in Danzig gedreht. Für die Verfilmung des Grass-Romans «Die Blechtrommel» 1979 bekam er einen Oscar und wurde weltweit bejubelt. Eher gemischt fielen die Reaktionen aus, als er für sieben Wochen zu den Dreharbeiten für «Strajk» nach Danzig zurückkehrte. Noch immer spaltet die «Solidarnosc» und ihre spätere Rolle als Partei die Öffentlichkeit. Und Walesa hat nicht nur Bewunderer - auch weil Anna Walentynowicz immer hinter den schnaubbärtigen Gewerkschaftschef treten musste.

    Dass ausgerechnet ein Deutscher sich dieses Schlüssel-Kapitels der jüngsten polnischen Geschichte annimmt, erregte Widerspruch. «Ich wollte das Leben dieser mutigen Frau nacherzählen», sagt Schlöndorff. Doch Walentynowicz distanzierte sich von Schlöndorffs Projekt und verbot, ihren Namen und ihre Biografie zu verwenden. Schlöndorff ist die Unsicherheit im Umgang mit dem komplizierten Stoff anzumerken.

    Unentschlossen wandert die Kamera zwischen Agnieszkas privatem Lebenskampf und der großen Politik. Wo Meister des politischen Kinos wie Ken Loach («Land und Frieden») das pathetische Bekenntnis samt Gänsehaut-Effekt nicht scheuen, bleibt «Strajk» unentschlossen. Kein Aufruf zu den Barrikaden, nur ein paar schwenkende Fahnen und Straßenkämpfe, die eher an Schülerrangeleien als an blutige Zusammenstöße erinnern.

    Selbst Thalbach, die für die feinfühlige Darstellung der Werftarbeiterin mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, kann sich der Betulichkeit nur schwer entziehen. Dramatisch wird es, wenn Originalaufnahmen aus der Zeit eingeblendet werden - von Willy Brandts Kniefall in Warschau bis zum ersten Papstbesuch. Der Streit zwischen der prinzipientreuen Agnieszka und dem Taktiker Walesa, der die spätere Spaltung der polnischen Opposition vorwegnimmt, bleibt dagegen Nebensache.

    «Du bist eine Träumerin und ich mache Politik», sagt der Elektriker Lech (Andrzej Chyra). Thalbachs schnarrendes Berlinern in der deutschen Fassung sowie die nervige Metall-Musik von Jean Michel Jarre stehen im merkwürdigen Gegensatz zu der Erzählung dieses Schlüsselereignisses der neueren Geschichte Europas.

    Esteban Engel,dpa

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