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  • Kritik: Peter Weirs medienkritischer Überraschungshit

    Truman Burbank führt ein nettes Leben in einer netten Kleinstadt am Meer. Truman hat eine nette Frau, einen netten Job, nette Nachbarn, nette Kollegen und sogar einen netten Freund. Kurzum, er lebt wie in einer äußerst verlogenen, eiskalt kalkulierten TV-Seifenoper.

    Tatsächlich ist der arglose Nettmensch Truman seit seiner Geburt vor 30 Jahren der Superstar einer in 120 Länder live übertragenen 24-Stunden-Show, in deren Mittelpunkt nichts anderes als sein alltäglicher Lebensgang steht - restlos ausgespäht von 5.000 Kameras in einer gigantischen Kulisse, in der jeder gegen gutes Honorar eine Rolle spielt.

    Der Einzige, der nichts von dieser ungeheuerlichen Inszenierung weiß, ist deren Hauptfigur Truman. Erst als er am Tag 10.909 seiner öffentlichen Existenz infolge kleiner Regiefehler zu spüren beginnt, daß irgendetwas mit ihm und der sterilen Idylle des Städtchens Seaheaven nicht stimmt, bringt er das profitable Lügengebäude um sich herum ins Wanken. Doch Christof, der skrupellose Erfinder der erfolgreichsten TV-Show aller Zeiten, will sich nicht geschlagen geben. Truman muß deshalb schon sein Leben riskieren, um den Sprung aus dem fiktiven Dasein zu packen.

    All das erzählt ab dem 12. November einer der ungewöhnlichsten Filme dieses Jahres auch in den deutschen Kinos: Peter Weirs "Die Truman Show" mit Jim Carrey in der Hauptrolle eines um Jahrzehnte seines Leben betrogenen TV-Idols wider Willen. Was nur wenige in Anbetracht des Themas und der satirischen Form seiner Behandlung für möglich gehalten hatten, wurde überraschend Realität: "Die Truman Show" lockte in den USA Millionen in die Kinos und gilt nun als heißer Anwärter für die nächste Oscar-Verleihung im März 1999.

    Einmal mehr hat der australische Regisseur großer Erfolge wie "Der einzige Zeuge" oder "Der Club der toten Dichter" mit intelligenter, anspruchsvoller Unterhaltung den Nerv der Kinogänger getroffen. Weir hat auch einmal mehr bewiesen, daß sich Kasse und Kunst keineswegs ausschließen müssen. In einer Zeit, in der auf fast jedem TV-Kanal zu fast jeder Stunde eine Seifenoper-Serie abgespielt wird und immer mehr Menschen sich einer Fernsehfamilie näher fühlen als der eigenen, wurde es Zeit für eine so bittere Abrechnung mit dem neuen Totalitarismus der Medien. "Die Truman Show" tut das weder moralinsauer verkrampft noch albern, sondern elegant und zugleich bedrohlich.

    Gerade deshalb ist der Film wirksam. Und er berührt und erregt den Zuschauer, weil wir uns alle mit diesem Truman identifizieren können. Fühlen wir uns nicht ebenso hilflos in der Flut von Ereignissen, die erst die Medien schaffen, arrangieren und manipulieren? Können wir noch länger den Bildern trauen, wenn wir wissen, daß sich mit Hilfe modernster Computertechnik virtuelle Wirklichkeiten erzeugen lassen, in denen Realität und Fiktion immer perfekter verschmelzen?

    Gewiß ist dieser Truman und sein spektakuläres Schicksal noch ein Extremfall, noch eine Ausgeburt des brillanten Drehbuchs von Andrew Niccol. Doch wir spüren nicht ohne Grund Sympathie, Mitleid und eine gewisse Solidarität mit Truman, der wie wir im Laufrad der Täuschungen gefangengehalten wird. So besehen, ist der Erfolg des Films nicht mehr überraschend, sondern folgerichtig. Daß Jim Carrey dabei eindrucksvoll unter Beweis stellt, mehr als nur ein begabter Klamaukkomiker zu sein, macht Weirs Streifen noch besser. "Die Truman Show" ist ein Film, der nachwirkt. Er läßt eine Entwicklung fragwürdig werden, die offenbar niemand verhindern kann und manche auch nicht verhindern wollen.

    Wolfgang Hübner, AP

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