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  • Kritik: Pedro Almodovars neuer Film "Live Flesh - Mit Haut und Haar"

    Spanien hat nicht mehr nur Sonne, sondern auch einen Kinomagier namens Pedro Almodovar zu bieten. Der 48jährige beweist mit seinem neuen Werk "Live Flesh - Mit Haut und Haar", ab 7. Mai in den deutschen Kinos, daß die besten und originellsten Filme aus Europa den Vergleich zu den viel kostspieligeren Hollywood-Fabrikaten keineswegs scheuen müssen.

    Mit Temperament, Stil- wie Tempogefühl und souveräner Vermischung verschiedener Genres hat der rundliche Spanier in origineller Weise einen Roman der britischen Thriller-Autorin Ruth Rendell als melodramatischen Thriller auf die Leinwand gebannt.

    Der zwölfte Film Almodovars zeugt zugleich vom Reifungsprozeß eines ehemals "Wilden", der sich seines Könnens nun sicher ist und als künstlerischer Nachfolger seines großen Landsmanns Luis Bunuel angesehen werden kann. Mit dem leidenschaftlichen, wenngleich nicht gebürtigen Madrilenen hat der europäische Film einen Autor und Regisseur, dessen Kreativität der tiefen Verwurzelung in Kultur und Geschichte seiner südlichen Heimat entstammt. Aber wie alle wirklichen guten Filme ist "Live Flesh" in einer Bildersprache verfaßt, die auch in der Fremde keine Verständigungsprobleme aufwirft.

    Die ziemlich verwickelte Geschichte, die Almodovar erzählt, beginnt mit dem dramatischen Rückblick in einer Madrider Januarnacht 1970. Es ist die Stunde, in der die junge Hure Isabel in einem Bus ihren Sohn Victor unter Schmerzen zur Welt bringt. Zwanzig Jahre später hat der zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsene Victor gerade sein erstes heißes sexuelles Erlebnis mit der schönen Elena hinter sich, als er in eine verhängnisvolle Schießerei und deshalb für einige Jahre hinter Gitter gerät. Bei seiner Entlassung ist Mutter Isabel längst gestorben, doch Elena lebt und lockt noch immer.

    Aber bis das geschieht, was geschehen muß, absolviert Victor ein intensives erotisches Aufbautraining mit der lüsternen Clara. Das ist die untreue Ehefrau des Polizisten Sancho, der einst mit seinem Kollegen David für Victors Gefängnisaufenthalt gesorgt hatte. David, seinerzeit durch einen Schuß in den Rollstuhl gezwungen, ist ausgerechnet mit Elena verheiratet, die an seinem Verhängnis schuld war und ihn nach ihrer Befreiung aus der Drogensucht selbstlos pflegt. Es ist ein wahrlich kompliziertes, aber auch faszinierendes Geflecht von Beziehungen, das 100 Minuten lang zu fesseln weiß.

    Wie stets erweist sich Almodovar als begnadeter Inszenator großer Frauenrollen: Wie er die Verzweiflung in der sexuellen Begierde einer alternden Frau, mitreißend gespielt von der Andalusierin Angela Molina, die Zuschauer spüren läßt! Wie einfühlsam er Schuld, Sühne, Versuchung und Lust der von der aufregenden Italienerin Francesca Neri dargestellten Elena zu zeigen versteht! Da haben es die männlichen Mitspieler naturgemäß nicht leicht. Doch sie schlagen sich tapfer, auch ihre Leistung beeindruckt.

    Insbesondere der junge Liberto Rabal in der Rolle des Victor erinnert verblüffend an des Regisseurs einstigen Star Antonio Banderas, der in Hollywood Karriere gemacht hat und zu teuer für eine spanische Produktion geworden ist. Nicht weniger einprägsam agiert der kraftstrotzende Javier Bardem als querschnittsgelähmter David. Almodovar, wie immer auch Drehbuchautor des Films, stellt die erstaunliche Kraft eines mit begrenzten finanziellen Mitteln arbeitenden nationalen Kinos unter Beweis.

    Aber dazu bedarf es eben eines Künstlers von seiner Potenz und Reife. Blitzschnell schlagen in seinen Filmen Situationen um, mit einem einzigen Dialogsatz erfolgen dramatische Wendungen, effektvoll werden Szenen choreographiert. Das ist von einer Qualität, von der die gegenwärtigen deutschen Filmemacher erschreckend weit entfernt sind. Gut zu wissen, daß es den Spanier nicht nach Hollywood drängt: Er will lieber weiter so mitreißende Filme machen, die auch hierzulande ein großes Publikum und große Leinwände verdienen.

    Wolfgang Hübner, AP

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