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  • Kritik: Orgasmus per Gefühls-Diskette

    Der Orgasmus kam wieder und wieder - bis zum Herzinfarkt. Schon 1983 hatte Regisseur Douglas Trumbull in "Projekt Brainstorm" die Idee, man könne menschliche Empfindungen auf Magnetband konservieren und in andere Hirne transportieren - ein Orgasmus als Endlosschleife wird zur Mordwaffe. Doch die Science-fiction-Phantasie wurde nur belächelt: Wie, bitte schön, sollte so eine Emotionskonserve technisch möglich sein?

    Heute, im Cyberspace-Zeitalter, ist diese Horrorvision nicht mehr völlig absurd. Grund genug für Hollywoods führende Action-Regisseurin Kathryn Bigelow ("Blue Steel"), die Idee noch mal zu verwenden. Wenn auch für eine ganz andere Story.

    "Strange Days" ist die Geschichte von Lenny Nero (Ralph Fiennes), einem abgefuckten Schlitzohr, das mit verbotenen Gefühls-"Clips" dealt: Bei Nero bekommt man Sex Crime in ultrarealistischer Version. Der fette Buchhalter will wissen, wie sich Sex für eine Frau anfühlt? Kein Problem: Nero hat bergeweise Discs, auf denen Prostituierte ihre Hirnströme "mitgeschnitten" haben. Die Disketten sind illegal. Doch Los Angeles in den letzten Tagen des Jahres 1999 ist ohnehin nur noch ein anarchischer Moloch, in dem Drogen und Terror regieren.

    Dann gerät Nero an eine extrem brisante Disc - die Augenzeugen-Aufnahme eines Mordes: Zwei weiße Polizisten töten kaltblütig einen Rap-Star und Bürgerrechts-kämpfer. Würden die Bilder publik, stünde ein Bürgerkrieg ins Haus, gegen den sich die Krawalle nach der Mißhandlung von Rodney King wie eine Kneipenschlägerei ausnähmen. Logisch, daß die unterschiedlichsten Leute Jagd auf Nero machen... Der Querverweis auf den alltäglichen Rassismus sollte, so Bigelow, "ein Weckruf für unser aller Bewußtsein" sein. Doch gerade diesen Aspekt verliert sie in ihrem über zweistündigen Monumental-Reißer oft aus den Augen. Statt sich auf einen roten Faden konzentrieren zu können, erfährt der Zuschauer auch von Neros obsessiver Liebe zu der Rocksängerin Faith (Juliette Lewis), viel über die Seelenqualen von Neros tougher Freundin Mace (Angela Bassett), die als Bodyguard jede Nacht in den Sumpf der Kriminalität eintauchen muß. Und von den Intrigen in den Chefetagen der Macht.

    Das Springen zwischen den Stories macht den Film besonders anfangs anstrengend. Andererseits gelingen Bigelow spektakuläre Szenen voll schmutziger Tristesse und gigantischer Aggressivität - wie die halbstündige Schlußsequenz mit der monströsen Silvesterfeier auf den Straßen. So ist "Strange Days" weniger ein Thriller als eine riesige apokalyptische Vision, in der sich Sozialkritik, Action und Psychodrama die Hand reichen. Nicht immer gelungen, doch stets diskutabel - außer wenn Juliette Lewis atonal ins Mikro röhrt.

    Copyright: TV Today, 1996

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