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  • Kritik: Optischer Genuss mit Aha-Erlebnissen

    Hie die Sklavenhalter, hie die Befreier: Aus der undankbaren Perspektive der "Bösen" schildert "Ride with the Devil" den amerikanischen Bürgerkrieg, der vor genau 140 Jahren stattfand.

    Für Zuschauer, deren Wissen über den Krieg zwischen Nord- und Südstaaten sich meist auf die verkürzte Schwarzweißmalerei von Geschichtsbüchern beschränkt, sorgt das über zweistündige Bürgerkriegsgemälde gleich zu Beginn für einige Aha-Erlebnisse.

    Anders als in "Vom Winde verweht" sind die Protagonisten keine Sklavenhalter, sondern kleine Leute; mehr noch, der Held ist in Deutschland geboren, sein Vater ein eingewanderter Handwerker. Als "Verräter" wird der junge Jake Roedel bei einer ländlichen Hochzeit im Kreise der Familie seines besten Freundes Jack Bull angefeindet, denn die Deutschen gelten als "Unionisten", als Parteigänger der Nordstaaten.

    Man müsste weit ausholen, um die komplizierten Verhältnisse im Bundesstaat Missouri darzustellen, der sich offiziell auf die Seite der Nordstaaten schlug, dessen Farmer aber teilweise zu den Konföderierten überliefen und sich in einem blutigen Guerillakrieg gegenseitig massakrierten.

    Von Anfang an jedenfalls sitzt Teenager Jake zwischen allen Stühlen. Als der Vater von Jack Bull von den "Jayhawkers", Sympathisanten der Nordstaaten, ermordet wird, tritt Jake Roedel in die Guerilla-Armee der "Bushhawker" ein. Dennoch ist er wegen seiner Herkunft ebenso verdächtig wie Daniel, ein Schwarzer, der von seinem Besitzer Riley freigelassen wurde - die Existenz von Schwarzen in der Südstaatenarmee ist geschichtlich belegt. Riley ist für zwar für Sklaverei, aber wer es wagt, Daniel, der stets an seiner Seite kämpft, zu beleidigen, spielt mit seinem Leben: eine völlig absurde Situation. Als sich die Guerilla in die Winterquartiere zurückzieht, kommen sich die vier in einem Versteck im Wald noch näher. Zu ihnen stößt Sue Lee, eine junge Bürgerkriegswitwe.

    Im täglichen Miteinander erscheint der Rassismus hirnrissig, und das Abschlachten von Zivilisten schockiert die Farmersjungen, die sich der Sinnlosigkeit ihres Tuns nicht mehr verschließen können und die schlicht kriegsmüde werden. Übrig bleiben nur blutrünstige Desperados, die neben "Niggerskalps" auch "deutsche Skalps" sammeln. Kids, die im Krieg erwachsen werden: Die verhaltene Art von Tobey Maguire, der den unbedarften, verschmitzten Jake Roedel spielt, geht unter die Haut.

    Zum vorzüglichen Darstellerensemble gehört auch die Countrysängerin Jewel, die in ihrer ersten Rolle als wortkarge Witwe überzeugt. Manchmal ist sogar Zeit für ein bisschen Galgenhumor. Die detailverliebten Kulissen und die sorgfältige Kameraarbeit machen den Film auch zu einem optischen Genuss: Holzhäuser in gottverlassenen Gegenden, ländliche Interieurs, Westernszenen hoch zu Ross geben einen Begriff von der Weite des Landes und auch von einer im Bürgerkrieg verloren gegangenen Lebensart.

    Als allzu emotionslos empfanden viele US-Kritiker den Film, in dem keiner die Moral gepachtet hat. Für an geschichtsklitterndes Pathos gewöhnte Patrioten ist die unheroische, intelligente und dezidiert anti-kitschige Herangehensweise des taiwanischen Regisseurs Ang Lee, der auch "Sinn und Sinnlichkeit" und "Eissturm" drehte, wohl eine Provokation. Nur wer genau hinhören will, erkennt das durchlebte Leid und die menschliche Tragik, die das Fazit dieses Epos', "Es ist weder gut noch schlecht, es IST einfach so" verbergen. "Ride with the Devil" läuft am 4. Januar an.

    Birgit Roschy, AP

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