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  • Kritik: Ohne Netz

    Wer auch immer sich zur Jahrtausendwende noch einmal den deutschen Film der Neunziger anschauen sollte, der wird darin - wenn nicht bald ein Wunder geschieht - das Bild einer Generation finden, die vor allem auf ihren eigenen Bauchnabel schaut. Einer Generation, die sich im Privaten verbuddelt, ehe sie sich auch nur in die Welt hinausgetraut hat.

    Das ist in "Stille Nacht" nicht anders, auch wenn das Beziehungsdrama eine andere Tonlage wagt als der derzeit grassierende Kino-Klamauk. Drei Liebeskranke peinigen einander am Heiligen Abend, acht unerträgliche Stunden lang, eine Nacht wie ein Alptraum.

    Die Kunststudentin Julia (Maria Schrader) hat Frank (Jürgen Vogel) zum Karpfenessen eingeladen. Mit Frank verbindet sie eine heftige Affäre, die sie jetzt beenden will. Denn eigentlich lebt Julia mit Christian (Mark Schlichter) zusammen. Christian jedoch hat sich nach Paris abgesetzt, um Abstand zu gewinnen, aber auch um Julia neu zu umwerben.

    Kaum fängt der Film an, hängt Christian schon an der Strippe. "Stille Nacht" ist Telefonterror auf der Leinwand. Unentwegt wird geplappert, der Stuß einer selbstgerechten Verzweiflung. Empfindungen zählen nur, wenn sie aufs extremste dargeboten werden - und doch zeigt die ganze Quälerei allenfalls, daß keiner der drei weiß, wie er eigentlich leben will.

    Geklärt wird dabei gar nichts zwischen diesen Sprachversehrten. Worte taugen allein als Waffen, um die Psyche des anderen zu verheeren. Nur der Sex führt noch zur Gefechtsruhe, kurzfristig.

    "Stille Nacht" ist, immerhin, ohne Netz gedreht. Er schont weder Darsteller noch Zuschauer. Im Gegenteil: Daß der Film auch für den Betrachter zur qualvollen Erfahrung wird, liegt durchaus in der Absicht des Paares Dani Levy, 38, und Maria Schrader, 30, das ihn gemeinschaftlich verantwortet. "Stille Nacht" will eine Art Gegengift zum allgegenwärtigen Beziehungs-Tralala verabreichen. Und tatsächlich fallen die von Chaos und Exzeß gebeutelten Gestalten im filmischen Umfeld von bewegten Kerlen und Superfrauen auf wie Weight Watchers bei einer Modenschau.

    Aber Levy und Schrader liefern den Zuschauern keinen Grund, sich dieser tyrannischen Non-Stop-Show auszusetzen. Julia, Frank und Christian sind Charaktere ohne Welt, ohne Geschichte - wie schon die ihnen seelenverwandten Generation-X-Mitläufer in "Die Mediocren", einem Film, bei dem Dani Levy mitgewirkt hat.

    Darum sind ihre Dauertiraden etwa so spannend wie ein Krach, der sich in einem benachbarten Hotelzimmer entlädt: Eine Viertelstunde lang horcht man ganz aufmerksam an der Wand, aber dann kennt man die Attacken, den Leerlauf, die vergeudete Aufregung. Und irgendwann verkriecht man sich unter der Bettdecke. Nur geht das im Kinosaal nicht.

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    Bettina Tollkamp

    Bettina Tollkamp

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