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  • Kritik: Nichts ist wie es scheint

    Saigon, Anfang der 50er Jahre: Sanfte Mädchen, luxuriöse Bordelle, und über allem liegt der süße Duft der Opiumpfeifen. Die Franzosen wissen, dass ihre Tage als Kolonialherren gezählt sind.

    Schon betritt, still und leise zunächst, die junge Weltmacht USA die Szene. Die verspricht Demokratie und Freiheit und noch ahnt niemand, in was für einem Sumpf sie eines Tages in Vietnam versinken wird. Davon handelt der Roman "Der stille Amerikaner" (1955) des britischen Schriftstellers Graham Greene - und davon erzählt auch die gleichnamige Verfilmung des australischen Regisseurs Phillip Noyce ("Das Kartell"). Am 22. Mai läuft der Streifen in den deutschen Kinos an - Parallelen zu aktuellen politischen Ereignissen sind rein zufällig.

    "Gott schütze uns vor den Unschuldigen und den Guten"

    Hauptfigur ist Thomas Fowler (Michael Caine), in die Jahre gekommener und abgebrühter Korrespondent der Londoner "Times". Ein Mann aus dem alten Europa mit melancholischem Blick, der den Niedergang vorzugsweise von der Terrasse des Continental-Hotels verfolgt - oder sich von seiner grazilen Mätresse Phuong ein paar Opiumpfeifen reichen lässt.

    Amerika tritt in der Person des naiven und zurückhaltenden Amerikaners Alden Pyle (Brendan Fraser) auf, der angeblich einer Hilfsorganisation angehört und eben nur das Beste für die Vietnamesen will. "Gott schütze uns vor den Unschuldigen und den Guten", stöhnt der altersweise Fowler über den jungen Pyle, der sich ihm zunächst als Freund anvertraut. Dass der stille Amerikaner sich auch noch in die wunderschöne Phuong verliebt, macht die Sache für den Engländer nicht gerade leichter.

    Ein Film voller Intrigen

    Als sich der "Gutmensch made in USA" später als CIA-Agent entpuppt, der auch schon mal Bombenattentate vor der schicken Saigoner Hotelterrasse inszeniert, darf Fowlers Abneigung Gestalt annehmen. In der stärksten Szene des Films (von Caine hervorragend gespielt) liefert er seinen Freund an die Kommunisten aus. Es genügt, dass der Journalist am Fenster seiner Wohnung als Zeichen für die Guerillas ein Buch zuschlägt - wohl wissend, dass er den Amerikaner damit ans Messer liefert.

    Natürlich ist Vietnam nicht Irak, und auch die Vergleiche mit den heutigen Versuchen des Demokratie-Exports aus Washington haben ihre Haken. "Amerika war zur Zeit des Vietnamkrieges naiv und voller guter Absichten", sagte Caine während der Dreharbeiten. "Dagegen haben die Amerikaner heute noch immer gute Absichten, aber naiv sind sie gewiss nicht mehr." Graham Greenes Buch, obgleich lange vor dem Amerika- Debakel in Fernost geschrieben, gilt unter Kennern noch heute als bester Erklärungsversuch für das Scheitern.

    Verleiher schrecken vor der unpatriotischen Aussage des Films zurück

    "Nichts und niemand ist so, wie es scheint", meinte ein Kritiker zu den Intrigen im Film, und genau diese schmerzliche Erfahrung machten die Amerikaner auch damals im Dschungelland Vietnam. Ihre Verbündeten erwiesen sich als korrupt, vermeintliche Freunde fielen ihnen in den Rücken - und dann stellte sich heraus, dass die Vietnamesen gar keine Demokratie nach westlicher Machart wollten. Am Ende mussten die Amerikaner einsehen, dass sie im Land mit den sanften Mädchen und dem süßlichen Opiumduft die Menschen einfach nicht richtig verstanden hatten.

    Da solcherart unpatriotische Filme in den USA derzeit verpönt sind, hat die Vertriebsfirma des Streifens in den USA zunächst freiwillig darauf verzichtet, dass der Film in die großen Kinos kommt. Dabei "ist Graham Greenes Buch heute vielleicht wichtiger als damals", schrieb die "New York Times" kürzlich.

    Peer Meinert, dpa

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