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  • Kritik: Neuverfilmte "Anna Karenina"

    Hamburg (dpa) - Das 19. Jahrhundert hat das Kino fest im Griff. Nach Verfilmungen von Werken von Jane Austen, Henry James oder Charlotte Bronte ist nun die russische Literatur dran. Und das gleich mit schwerer Kost. Leo Tolstois zwischen 1875 und 1877 in einer Zeitschrift erschienener Roman "Anna Karenina" begründete zusammen mit dem Wälzer "Krieg und Frieden" den Weltruhm des russischen Dichters.

    Die zwischen Pflichten und Leidenschaft hin- und hergerissene Hauptfigur gilt als eine der großen tragischen Frauengestalten der Literatur. Kein leichtes Unterfangen also für Regisseur Bernard Rose, ein derartiges Jahrhundertwerk auf die Leinwand zu bannen. Zumal "Anna Karenina" schon mehrfach verfilmt wurde - am berühmtesten ist die Fassung von Clarence Brown mit der "göttlichen" Greta Garbo in der Titelrolle.

    Die Französin Sophie Marceau tritt in Roses Verfilmung von "Anna Karenina", die am 1. Mai in den deutschen Kinos anläuft, gegen die übermächtige Erinnerung an die Garbo an. Auf den ersten Blick eine denkbar schlechte Wahl: Trotz beachtlicher Filmrollen in den letzten Jahren erscheint Marceau, die einst mit dem Teenie-Film "La Boum" bekannt wurde, zu harmlos, um ein derartiges Drama überzeugend zu verkörpern. Kein Schatten verdüstert zu Beginn ihr rundes Gesicht, kein Zweifel trübt die Kulleraugen. Doch vielleicht liegt gerade hierin ihre Stärke, denn die Anna des Romans besitzt gar nicht das erfahrene Gesicht der Garbo. Sie ist jung, unschuldig und zu reiner starker Leidenschaft fähig.

    Trotz ihrer Klugheit ist Anna naiv genug, in dem eigentlich mittelmäßigen, doch äußerlich strahlenden Graf Wronskij die Liebe ihres Lebens zu suchen und sich allen Konventionen zum Trotz von ihrem sehr viel älteren Ehemann Karenin zu trennen. Am Konflikt mit Karenin, an der Sehnsucht nach ihrem Sohn Serjoscha und dem Unverständnis der Gesellschaft zerbricht sie. Es gelingt Sophie Marceau, auch die gequälte und eifersüchtige, verzweifelt um Wronskij ringende Anna überzeugend zu verkörpern. Gerade ihre Unvoreingenommenheit zu Beginn wird ihr am Ende zum Verhängnis.

    Leider kommt der Rest des Films denkbar uninteressant daher. Brav wird die Handlung nacherzählt. Tolstois Tiefgang bleibt auf der Strecke. Stattdessen ist ein schöner Bilderbogen zu sehen. Sean Bean als Wronskij sieht schneidig aus in seiner Offiziersuniform, und Alfred Molina erinnert als Tolstois Alter Ego Lewin verblüffend an sein Vorbild. Das Aufregende des Films erschöpft sich mit Ausnahme gelungener Sequenzen wie der Ballszene oder Lewins Naturerfahrung am Abend im Rascheln der Kostüme.

    Allerdings ist es Roses Verdienst, in seiner Fassung die sonst vernachlässigte Parallelhandlung der langsam wachsenden Liebe zwischen Lewin und Kitty aufgewertet zu haben. Tolstoi hatte diese als Kontrapunkt zu Annas Geschichte angelegt und hier ihm wichtige Themen wie Familienglück und Sinnsuche, Natur- und Gotteserfahrung verarbeitet. Doch um diesen Aspekt "Anna Kareninas" neu zu entdecken, braucht es keinen Film, man kann auch den wunderbaren Roman lesen.

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