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  • Kritik: Neuer Streich von Dänemarks Regiestar Lars von Trier

    Vorsicht vor diesem Film! Wen es nach einem Rest von Diskretion und Scham, Respekt vor geistig Behinderten und einer halbwegs normalen Dramaturgie verlangt, sollte einen großen Bogen um jene Kinos machen, in denen ab 22. April Lars von Triers Film "Idioten" zu sehen ist.

    Die Gefahr ist nämlich groß, daß nach den 117 Minuten dieses in jeder Weise außergewöhnlichen Films ein Teil der Besucher blaß, geschockt und mit verminderter Verkehrstüchtigkeit auf die Straße strömt, der andere Teil hingegen als beschwingt lallende, blödelnde Horde Passanten in Angst und Verwirrung versetzt.

    Die inzwischen schon recht legendäre Kopenhagener Regisseursgemeinde mit dem Statut "Dogma 95" hat nach Thomas Vinterbergs verstörendem Familiendrama "Das Fest" erneut zugeschlagen. Diesmal ist es kein Geringerer als der international schon renommierte Lars von Trier, der seinen Beitrag leistet zur "Rettungsaktion, um bestimmten Tendenzen im modernen Kino entgegenzuwirken".

    Das nämlich ist das Ziel der "Dogma 95"-Gruppe, dem sie sich mit einem "Schwur der Keuschheit" und zehn festen Regeln, ihren "Dogmen", verpflichtet hat. Natürlich handelt es sich dabei auch um ein Stück genialer Selbstvermarktung der zornigen Dänen. Doch solange die Produkte den Anspruch einlösen, ist dagegen nichts zu sagen.

    Von Trier, der 1997 mit dem bewegenden Melodram "Breaking the Waves" das Publikum anrührte, zeigt diesmal eine Gruppe junger Dänen, die sich auf ein riskantes Experiment eingelassen haben: Sie simulieren in der Welt der Normalen geistige Behinderung und testen mit hemmungslosem Infantilismus die Reaktionen wie die Toleranz der Umwelt. Von Trier hat die Charaktere seines Films sehr genau bestimmt, das Spektrum reicht vom "weinerlichen Idioten" über "Idiot mit Betreuerkomplex", "Rollstuhlfahrer-Idiot", "Angsthasen-Idiot" bis hin zum "Unheil-Idioten". Das Agieren, die exzessive Dynamik dieser Idioten-Galerie ist der Inhalt des Streifens.

    Aber auch die Gespräche und - in unverfälschter dänischer Tradition - sogar der drastisch gezeigte Gruppensex in der eigenartigen Psycho-Kommune füllen das Leinwandgeschehen. Die Darsteller und ihr Regisseur haben bei den Dreharbeiten viel Spaß gehabt, zumal es von Trier zufolge recht ungezwungen zuging: "Eines Morgens begrüßte ich die Schauspieler nackt in der Auffahrt und bestand darauf, daß an jenem Tag alle nackt sein sollten." Das ist ein Inszenierungsstil, der nicht gerade als Empfehlungsschreiben nach Hollywood zu verstehen ist.

    Aber was wollen die im fernen Kalifornien auch schon mit Filmemachern anfangen, die sagen: "Der Film darf keine oberflächliche Action beinhalten" oder darauf bestehen, ihre Produktionen müßten im "Hier und Jetzt spielen". Es ist fraglich, ob von Trier und seine tapferen Kino-Wikinger auf die Dauer all ihren edlen Vorsätzen treu bleiben werden. Erfrischend ist es aber allemal, daß in Europa junge Künstler nicht nur - wie ganz besonders in Deutschland - über mangelnde Subventionen klagen und sich ansonsten als zweitrangige Hollywood-Nachäffer betätigen, sondern etwas riskieren. "Idioten", trotz nicht zu verkennender Fragwürdigkeiten, ist ein Zeugnis des Wagemuts.

    Wolfgang Hübner, AP

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