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  • Kritik: Naiv, fromm und brutal

    Selten hat ein religiöser Film schon vor dem Kinostart so viele Schlagzeilen und Proteste provoziert wie «Die Passion Christi» von Hollywoodstar Mel Gibson.

    Blutrünstig, grausam und antisemitisch sei der Film, lauten die Kernvorwürfe. Zudem verkürze das zweistündige, ab 16 Jahre frei gegebene Werk theologisch die Botschaft der Bibel. In Nordamerika stürmte das Epos wider Erwarten an die Spitze der Kinocharts und hat bereits weit mehr als 200 Millionen Dollar eingespielt.

    Der konservative Katholik Gibson (48), der eine Lebenskrise mit Hilfe des Glaubens überwunden hat, zeigt in seinem Film die letzten zwölf Stunden Jesu. Grundlage bildet die Darstellung der Evangelien. Unreflektiert nacherzählt wird die Gefangennahme, der Prozess, die Folterungen, die Kreuzigung, der Kreuzestod und die Auferstehung Christi. Die Schauspieler sprechen Latein und Aramäisch, Sprachen, die zur Zeit Jesu in Palästina gesprochen wurden. Nur Kernszenen - meist Bibel-Zitate - sind untertitelt.

    Drastische Filmsprache

    Die Filmsprache von Gibsons Passionsspiel ist drastisch. Der Zuschauer leidet im Kinosessel mit. Blut spritzt, Jesus wird in langen Szenen gefoltert, gekreuzigt - in Nahaufnahme, in Zeitlupe, unterlegt mit röchelndem Atem. Besondere Wirkung kommt dem Soundtrack zu: Choräle, auch Geigen und Flöten, meist aber bedrohliches Stakkato. Wenn Jesus mit der «neunschwänzigen Katze» ausgepeitscht wird, zuckt der Besucher im Kinosessel zusammen. Zimmermannsnägel werden durch die Hände Jesu und das Holzkreuz unter wuchtigen, akustisch kaum erträglichen Schlägen getrieben.

    Szenen am Rande des frömmelnden Kitschs

    Neben den für einen Bibelfilm beispiellos brutalen Gewaltszenen zeigt Gibson Szenen am Rande eines frömmelnden Kitschs: Jesus als guter Zimmermann gibt zu Hause im Garten seiner Mutter Maria ein Küsschen auf die Wange. Nach dem Kreuzestod schwenkt die Kameraperspektive vom Kreuz hinauf zum Himmel. Eine Träne fließt von oben als würde Gottvater weinen. Hieraus entsteht dann das biblisch überlieferte Unwetter und Erdbeben. Übertrieben auch, wie Christus nach der Auferstehung in der letzten Sequenz im Grab neben abgelegten Todesbinden perfekt gestylt mit wieder makellosem Antlitz gen Himmel schaut.

    Gezielt den Kontrast von Hell und Dunkel genutzt

    Gibson bezieht sich mit seiner naturalistischen und realistischen Bildsprache auf die religiösen Gemälde großer Meister wie den italienischen Renaissance-Maler Caravaggio (1573-1610). Der vier Mal für den Oscar nominierte Kameramann Caleb Deschanel («Der Patriot») nutzt gezielt den Kontrast von Hell und Dunkel, um eine besondere spirituelle Ausstrahlung zu erzielen. Manche Filmbilder erinnern auch an düstere Malereien von Caspar David Friedrich: Dunkle Wolken hängen drohend über Golgatha, im Garten Gethsemane wabern nächtliche Nebel im Mondlicht - und Jesus perlt der Angstschweiß im Antlitz.

    «Alles Gewicht auf Äußerlichkeit des Leidens Jesu»

    Der theologische Ansatz von Gibson ist eine zentrale Schwäche des Films. Das Wort des Propheten Jesaja «Durch seine Wunden sind wir geheilt» (Jes 53,5) missversteht Gibson, indem er in einer «Schmerzensmann Frömmigkeit» badet, die «alles Gewicht auf die Äußerlichkeit des Leidens Jesu legt», kritisiert die evangelische Kirche. Dabei ging es darum, dass Jesus die Menschen von der Sünde der Gottesferne erlöste.

    Fragwürdige jüdische Stereotypen

    Neben einem theologisch angreifbaren Ansatz bedient Gibson sich fragwürdiger jüdischer Stereotypen. Die Hohen Priester und der jüdische Mob werden durchweg negativ gezeigt, so dass die theologisch längst überwundene Sicht der Juden als «Gottesmörder» bei schlichten Gemütern reanimiert werden könnte. Antisemitische Sequenzen im engeren Sinne weist der Film allerdings nicht auf, auch wenn etliche jüdische Organisationen - darunter der Zentralrat der Juden - Gibson vorhalten, antisemitische Klischees zu bedienen.

    dpa

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