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  • Kritik: Muskulöses Multitalent

    Ein guter Geschäftsmann, guter Vater und neuerdings auch guter Schauspieler: Bruce Willis glänzt in Terry Gilliams Zukunfts-Thriller "12 Monkeys"

    Gott, ist das schön draußen. Bruce Willis lehnt die Stirn ans Fenster und blickt ins Blaue über Berlin. Zum erstenmal seit 39 Jahren wieder in Deutschland. Flughafen, Limousine, Stau auf dem Ku'damm, Blick auf die kaputte Kirche, Pressekonferenz, Hotel. Im Nebenzimmer warten Japaner, auf den Fluren Fotografen, irgendwo gibt seine Frau Demi Moore ein Interview, und gerade hat ihn jemand was gefragt. Realitätsverlust. Er seufzt, wirft sich in seinen Sessel. "Was meinen Sie mit Realitätsverlust?"

    In seinem neuen Film "12 Monkeys" spielt der 41jährige einen melancholischen Glatzkopf, der behauptet, aus dem Jahr 2035 in die Vergangenheit, unsere Gegenwart, gereist zu sein, um herauszufinden, an welchem Virus die Menschheit im Jahr 1997 fast zugrunde gegangen ist. Natürlich landet der verwirrte Zeitreisende schnell in der Klapsmühle - sitzt heftig betäubt in seiner Zwangsjacke, Speichelfäden vom Kinn zur Brust, und weiß nicht mehr, in welcher Welt er nun zu Hause ist, geschweige denn, was wahr ist und was Einbildung.

    Ob Leute wie ich noch normal leben können, fragen Sie", sagt Willis und nippt träge an seiner Cola. Er kam gestern abend spät aus London, wo er gerade den Thriller "Das fünfte Element" dreht, den teuersten europäischen Film aller Zeiten. Und für seinen nächsten, wieder eine Hollywood-Produktion, soll er 20 Millionen Dollar bekommen. Klar ist das eine andere Welt als New York in den frühen 80ern, wo er sich hinterm Times Square mit einem Stamm Kakerlaken ein 170-Dollar-Apartment teilte. Und klar kann er nicht mehr, worauf er jetzt Lust hätte, raus auf die Straße auf eine Currywurst. "Berühmtsein ist wie eine Schramme", sagt er, "es tut nicht wirklich weh, aber du kannst es keine Sekunde vergessen."

    Wahrscheinlich könnte er aufs Berühmtsein auch nicht mehr verzichten. Der Mann aus New Jersey, 1955 in Idar-Oberstein als Sohn eines G.I. und einer Deutschen geboren, pflegt mit seiner Gattin einen Lebensstil, in dem sich Glitzerwelt und Vorstadt, Pomp und Proll, PR und wahre Liebe unverhofft wie friedvoll vereinen. "Bruce und Demi sind die letzten ihrer Art", sagte ein Produzent mal. "Beide kommen aus einfachen Verhältnissen. Beide haben eine Menge Fehler gemacht. Aber sie hat das größere Ego."

    Er hat den besseren Ruf. Vor zehn Jahren noch ein kräftiger Trinker, gilt Willis seit der Heirat 1987 als gezähmter Tiger. Vor allem als liebevoller Daddy; daß er die Geburt seiner Tochter Rumer Glenn vor acht Jahren mit drei Videokameras gefilmt hat, ist wohl berstendem Vaterstolz zuzuschreiben.

    Mit Rumer Glenn und ihren Schwestern Scout, 5, und Tallulah Belle, 2, lebt das Paar auf einer Ranch in Idaho. Kürzlich kauften Bruce Willis und seine Frau in der nahegelegenen Kleinstadt Hailey eine Bar, ein Bürogebäude, einen alten Drugstore, in dem Demi ein Puppenmuseum eröffnen will, und das Kino, das nach der Renovierung mit Gratisvorstellungen von "12 Monkeys" eröffnet wurde. "Meine Kinder sollen nicht in Hollywood, sondern in einer netten Umgebung aufwachsen", sagt Willis und zuckt die Achseln. Think big.

    In den vergangenen zehn Jahren verdiente er um die 75 Millionen Dollar - vor allem an der "Die Hard"-Trilogie, an sieben eigenen Lokalen und der Teilhaberschaft an der Fast-Food-Kette "Planet Hollywood", die er mit Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone betreibt. Er besitzt ein Penthouse am New Yorker Central Park - mit Blick auf sein altes Kakerlakenheim -, ein Strandhaus in Malibu, 17 Oldtimer, zwei Harleys, züchtet japanische Akita-Hunde und spielt immer wieder gern den Underdog.

    Im Feinripp-Unterhemd - seit Marlon Brando sah darin keiner cooler aus - ließ er sich in "Die Hard" prügeln, in Boxer-Shorts durchlitt er Quentin Tarantinos "Pulp Fiction". Seine Siege trägt er immer mit Blessuren davon. Auch wenn er sich das wahre Leben von Bodyguards und Assistenten puffern läßt: Auf der Leinwand ist er einer von uns.

    Einer, den man eher zum Bier als zum Premier Grand Cru einlädt, einer, dem's Spaß macht, mit seiner Mundharmonika Rhythm Blues-Nummern zu schrubben. Ab und zu klappert er mit alten Freunden die Bars der Upper West Side ab, in denen er früher, als er sich "Bruno" nannte, Cocktails mixte und Faxen machte für Prominente wie Cher und Richard Gere. Dann sitzt er im Séparée und versucht, die neugierigen Blicke zu ignorieren. Bruno wäre er immer noch gerne - Bruno mit dem Konto von Bruce Willis.

    Arbeiten muß er schon lange nicht mehr. Er tut es nur noch, weil er Lust dazu hat. Mit Paul Newman wollte er mal spielen - also übernahm er an dessen Seite eine Minirolle in "Nobody's Fool". Eigenartig, daß gerade seine unglamourösen Gastauftritte von Kritikern gepriesen werden. Über seinen 22-Minuten-Part in "Pulp Fiction" war die "New York Times" verblüfft, "daß ausgerechnet Bruce Willis nun Kunst und Kommerz verschmilzt!"

    Zu Recht mit Lob überhäuft wurde er nun für seine Darstellung des verstörten Propheten in "12 Monkeys". Der Virus-Thriller von Terry Gilliam ("Brazil") ist ein beängstigender, wilder, seltsam romantischer Alptraum aus dem Hirn eines Paranoikers - und Willis, der Muskelmann, darin gefangen wie ein Kind. Ein Junge von ein Meter achtzig, dem Evergreens im Radio Glückstränen in die Augen treiben. Wahrscheinlich ist er der einzige der harten Männer Hollywoods, die so was spielen können, ohne sich lächerlich zu machen.

    Auf dem blanken Hinterkopf trägt er den ganzen Film über eine Tätowierung wie ein Warenstrichcode. Er habe den Kopf, behauptet er, mal über einen Supermarkttresen gezogen. Was zeigte die Kasse an? "15 Millionen Dollar", sagt er und grinst.

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