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  • Kritik: Musikfilm und Beziehungsdram

    Alles fing damit an, dass Jürgen Vogel gerne einmal in einem Musikfilm mitspielen wollte. Der Schauspieler hörte dafür 26 CDs durch, zwei gefielen ihm: Alben der Hamburger Bands Tomte und Kettcar.

    Und so entstand ganz real die Hansen Band, mit Vogel als Frontmann und Musikern der beiden hochgelobten norddeutschen Independent-Bands. Man schrieb Songs, probte gemeinsam, ging drei Wochen lang auf Tour durch die Provinz und spielte vor ganz normalem Konzertpublikum.

    Geniale Idee, «Keine Lieder über Liebe» kommt absolut authentisch und direkt daher, ein kompakt-kompromissloser Film mit verrauchter Live-Atmosphäre, ganz nah dran am rauen Musikeralltag zwischen billigen Absteigen, trostlosen Clubs und endlosen Fahrten im Tourbus. Regisseur Lars Kraume hatte am Ende 150 Stunden Material abgedreht, nach sieben Monaten im Schneideraum mit Cutterin Barbara Gies blieben 100 Minuten übrig.

    Kraume hat trotzdem keine Musikdoku vorgelegt, sondern er erzählt quais dokumentarisch ein ziemlich vertracktes, bisweilen qualvolles, sehr berührendes Beziehungsdrama. Der junge Filmemacher Tobias Hansen (Florian Lukas) lebt mit seiner Freundin Ellen (Heike Makatsch) in Berlin. Am Anfang sehen wir ein unbeschwertes Paar herumalbern. Aber der eher introvertierte Tobias hegt den Verdacht, dass sein älterer Bruder Markus (Jürgen Vogel) eine kurze, aber heftige Affäre mit Ellen gehabt hat.

    Tobias findet einfach keine Ruhe mehr. Die Eifersucht nagt. Er fährt nach Hamburg und macht seinem Bruder den Vorschlag, die bevorstehende Tour der Hansen Band mit der Kamera zu begleiten. Am ersten Abend nach einem Konzert in einem kleinen Club in Hannover lernt Tobias ein Mädchen kennen und schläft mit ihr. Am nächsten Morgen reist Ellen an. Sehr bald schon kommen die schwelenden Konflikte an die Oberfläche.

    Ein Song der Hansen Band heißt «Baby Melancholie», und so traurig und verloren wirkt auch Heike Makatsch als Frau zwischen zwei Brüdern. Eine ganz starke Vorstellung. Ellen hat die ewigen Diskussionen und Schuldzuweisungen satt, über Beziehungen urteilt sie resigniert: «Hält ja heute nix mehr». Der Rest ist «romantischer Käse».

    Sehr genau lotet Lars Kraumes glänzend besetzter Film das prekäre Lebensgefühl und die diffuse Sehnsucht der Generation um die Dreißig aus. «Nur ein Blick durch die Tür in den Raum/ einer anderen Welt./ Reiß mich raus aus der Nacht und/ wir fahren durch die Straßen der Stadt.» So beginnt der Song «Alles teilen». In ihren besten Momenten scheint in der Musik und den Texten von Marcus Wiebusch, Thees Uhlmann, Reimer Bustorff und Max Martin Schröder der Traum von einem anderen Leben auf.

    Ganz ausgeträumt hat Monika Hansen, die Mutter der beiden Brüder. Eine kaputte Frau, Alkoholikerin. Einmal kommt sie zu einem Konzert der Hansen Band ins Hamburger «Molotow». Aber Markus, der Ältere, will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Er hat sich abgenabelt. Eine traurige Familiengeschichte liegt hinter ihm.

    Lars Kraumes lakonisches Generationenporträt gönnt sich kein Happy End, lässt viele Fragen offen. Irgendwie raufen sich Ellen und Tobias zusammen, aber die alte Unbeschwertheit ist verloren. Ein unsichtbarer Riss zieht sich durch ihre Beziehung, wenn sie am Ende durch die nächtlichen Straßen von Berlin laufen.

    dpa

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