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  • Kritik: Moralisches Kino und Porträt einer schmutzigen Branche

    Ausgerechnet in der Porno-Industrie sucht Eddie Adams nach Liebe. Er weiß nichts von den knallharten Gesetzen dieses Marktes, findet dort zum ersten Mal Anerkennung und so etwas wie Heimat. "Boogie nights" ist der rasante Aufstieg und der jähe Fall eines grenzenlos naiven Jungen, ist eine Hommage an Lifestyle und Musik der 70er Jahre, ist moralisches Kino und Porträt einer schmutzigen Branche.

    Mark Wahlberg, ehemals als Marky Mark erfolgreicher Rapper und gefeiertes Unterhosen-Model, ist Eddie Adams. In einer schmierigen Küche sticht er dem erfolgreichen Porno-Produzenten Jack Horner (Burt Reynolds) ins Auge und erlebt die etwas andere Version des amerikanischen Traums: vom Tellerwäscher zum Sex-Star. Adams wird das Kunstprodukt Dirk Diggler, seine Filme finden reißenden Absatz. "Ich bin an diese Rolle als Schauspieler genauso ahnungslos herangegangen wie der Junge im Film an seinen neuen Job", sagte Wahlberg im dpa- Gespräch. "Meine Meinung über Pornos hat sich durch diesen Film nicht verändert - meine Meinung über die Darsteller sehr."

    Wahlberg ist für die ebenso hochsensible wie überzeugende Darstellung eines Porno-Stars von der amerikanischen Kritik regelrecht gefeiert worden, "Boogie nights" galt lange als heißer Anwärter für einen Oscar. Daraus wurde zwar nichts, aber immerhin erhielt Burt Reynolds für seine brillante Rolle als schwärmerischer Übervater einen Golden Globe als bester Nebendarsteller.

    Für Reynolds bedeutet dieser Film nach einem völligen Karrierestillstand einen fulminanten Neustart. "Er war einfach unglaublich, ich habe größten Respekt vor seiner Arbeit", sagt Regisseur Paul Thomas Anderson. Mit seinen 28 Jahren wird Anderson in den USA bereits als neuer Quentin Tarantino gehandelt - will davon aber nichts wissen: "Das ist natürlich ein Kompliment, aber Quentin und ich sind doch sehr verschieden."

    "Boogie nights" besticht mit fulminanten Kamerafahrten, schrillen Farben und einer wahrhaft lustvoll agierenden Schauspieler-Crew (u.a. Julianne Moore und Heather Graham). "Mit rund 15 Millionen Dollar war die Finanzierung eher leicht", sagt Anderson und lächelt smart. "Ich habe den Film so geschrieben, daß ich ihn gut drehen kann - und so gedreht, daß er leicht zu produzieren ist." Der Erfolg von "Boogie nights" in den USA war nicht vorprogrammiert. "Hollywood hat ja so ein Problem mit Sex", sagt Anderson. "Aber ich habe dem Druck standgehalten, weil ich unbedingt diesen Film machen wollte."

    Bei der knalligen Ausstattung des Films half Anderson und Whalberg ein tiefer Griff in die eigenen Plattenkisten und Kleiderschränke. So wird "Boogie nights" zu einem der vielen Produkte, die die 70er Jahre in den späten 90ern aufleben lassen. Schlaghosen, Polyester und Soul: "Die Seventies sind das Jahrzehnt der besten und der schlechtesten Musik, die jemals geschrieben wurde", sagt Anderson.

    Für einige Jahre sitzt Whalberg als Pornostar im schwülstigen Ambiente der Studios wie die Made im Speck, feiert Parties und Drogenexzesse. Für den Jungen aus der Vorstadt sind Kollegen und Produzenten die Familie, die er nie wirklich hatte. Doch das Bild der fetten Jahre bekommt bald erste Risse, das Produkt Diggler erfährt die rauhe Wirklichkeit der Branche und ihr gnadenloses Suchen nach neuen Gesichtern am eigenen Leib. Auf die Frage, ob "Boogie nights" nicht letztlich ein puritanischer Film mit erhobenem Zeigefinger sei, sagt Anderson: "Unsinn. Dem Jungen geht es erst klasse, dann ziemlich schlecht. Er hat eben irgendwie unverschuldet aufs falsche Pferd gesetzt - was ist daran moralisch?"

    Whalberg sagt, "Boogie nights" sei für ihn vor allem ein abgrundtief trauriger Film. Im Brennpunkt heißer Diskussionen stand bei "Boogie nights" aber eine ganz andere Frage. Denn der gutgebaute Tellerwäscher wird nicht nur wegen seiner schwellenden Brustmuskeln so schnell zum Star - sondern vor allem wegen einer gerade für Pornos besonders geeigneten Anatomie. Die amerikanische Kritik war mit der Frage nach deren Echtheit besonders eindringlich beschäftigt.

    Martin Bialecki, dpa

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