40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Mit Tränen handeln
  • Kritik: Mit Tränen handeln

    'Millionen! Millionen! Millionen! Ruhm und Erfolg gehören euch!' So schreit es Joe Morelli durch das Megaphon. In seinem mit Kinoplakaten beklebten Planwagen zieht er von Dorf zu Dorf; im Armenland Sizilien handelt er mit Träumen. Er sei der Talentsucher im Auftrag der Universalia Studios in Rom, behauptet er. Maria Pietrangeli, Lex Baxter und Angelo Buffo habe er entdeckt, und wenn ein Sardinier ein Star werden könne, warum nicht auch ein Sizilianer?

    'Was für ein Gesicht!' Schamlos schmeichelt er seinen Opfern; er weiß genau, wo er sie packen kann: Den Bankangestellten verführt er auf diese Weise ebenso wie den Mafiaboß, das sündige Mädchen wie die ehrgeizige Mutter, den poetischen Schäfer wie den Carabiniere, der ihn vor der Stadt abfängt. 'Was für Augen!' Mit diesen Worten kann er selbst drei wüste Straßenräuber vom Überfall abhalten und zum screentest verleiten - den sie dann auch noch bezahlen .

    Ausgerechnet Realzisa heißt das Dorf, in dem der Film beginnt: Hier spielt Morelli mit den luftigen Illusionen und bekommt vor seine Kamera doch nur die harten Realitäten. Freizügig offenbaren Männer und Frauen, Alte und Junge ihre innersten Seelenqualen: Hier klagt die Näherin über ihre wunden Hände, spricht der Veteran über sein Kriegstrauma, gesteht der Homosexuelle seine Vorlieben, die junge Frau ihre sexuellen Vergehen. Zukunftsträume werden da schnell zur Vergangenheitsbewältigung.

    'Morgen ist ein neuer Tag', heißt es auf den Dialogzetteln, die Joe Morelli zum Vorsprechen verteilt. In dem Satz, den Scarlett am Ende von Gone with the Wind sprach, verbinden sich Traum und Wirklichkeit, Hoffnung und Ernüchterung. Wenn die Worte aus dem berühmten Film im Dorf von Mund zu Mund gehen, dann verändern sie sich fortwährend. Vom Winde verweht ist da bald auch die ursprüngliche Bedeutung. So fließen die Geschichten von Rhett und Scarlett mit denen der Sizilianer zusammen.

    Die in Amerika, bei Paul Schrader, Sam Raimi und Michael Mann geübte Kamera des Italieners Dante Spinotti fühlt sich in Sizilien spürbar zu Hause. Von den Hoffnungen der Protagonisten beschwingt, gleitet sie durch die schmalen Gassen und über die holprigen Wege des Dorfes.

    In der Musik von Ennio Morricone treffen sich die beiden Gefühlsmomente des Films: die Melancholie der Armut und die ausgelassene Jahrmarktsfröhlichkeit. Wenn der Sternenmacher seinen klapprigen Lastwagen in das Dorf lenkt, lauthals die ankommenden Attraktionen anpreist und dann die Schaulustigen in Scharen an den Marktplatz strömen, dann ist dieser Film ganz nah an den Wurzeln des Kinos, im Variet� und auf dem Jahrmarkt.

    Wer mit Träumen handelt, wird nur allzu leicht zum Schwindler: Fast wundert man sich, daß überhaupt Filmmaterial durch Morellis Kamera läuft. Ans Entwickeln jedenfalls denkt er nicht, und in Cinecitt� kennt keiner seinen Namen. Für die herzzerreißenden Geschichten seiner Opfer hat er nichts als Zynismus und Verachtung. Erst am Ende dieses italienischen Road-Movies - nach zwei Jahren Gefängnis und der Erkenntnis, die Liebe seines Lebens verloren zu haben - wird er geläutert. Erst dann hat er die Ruhe gewonnen, um die Gesichter der Menschen an seinem inneren Auge vorüberziehen zu lassen.

    Da geht es ihm ganz ähnlich wie dem erwachsen gewordenen Salvatore, der in Cinema Paradiso noch einmal all die vom Priester zensierten Filmküsse seiner Kindheit sieht. Schon in diesem Erstling hatte Giuseppe Tornatore die illusionären Kräfte des Kinos mit den harten Wirklichkeiten des Lebens in seiner Heimat konfrontiert. Damit hat er gezeigt, daß das Kino eben doch die Kraft hat, auf die eine oder andere Weise das Leben zu verändern.

    ANKE STERNEBORG L'UOMO DELLE STELLE. Italien 1994/95 - Regie: Giuseppe Tornatore. Buch: Giuseppe Tornatore, Fabio Rinaudo. Kamera: Dante Spinotti. Musik: Ennio Morricone. Darsteller: Sergio Castellito, Tiziana Lodato, Franco Scaldati. Verleih: Filmwelt-Prokino. 95 Minuten.

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Redakteur

    Maximilian Eckhardt

    Mail | 0261/892743

    Abo: 0261/98362000

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Samstag

    -3°C - 4°C
    Sonntag

    -5°C - 2°C
    Montag

    -3°C - 2°C
    Dienstag

    -2°C - 4°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!