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  • Kritik: Mit großer Frucht auf großer Reise

    Welch Glück, daß Roald Dahl nicht Rudyard Kipling ist. Ein Kind, das die "Dschungelbücher" liest und dann vielleicht mit wohlmeinenden Anverwandten den berühmten Zeichentrickfilm anschauen geht, das hat den Entzauberungsschock erst einmal weg. Bei Dahl hingegen mußten sich die Filmemacher anstrengen und hübsch verträumte Songs und Szenen mühevoll erfinden, denn "James und der Riesenpfirsich" hat in dieser Hinsicht kaum etwas zu bieten.

    Das 1961 entstandene Kinderbuch ist überhaupt nicht das, was gemeinhin unter diesem Begriff verstanden wird. Es ist ein Recyclingprodukt aus zahllosen Mythen- und Märchenmotiven, ein lose in einen Handlungsrahmen gestelltes Potpourri satirischer Beschreibungen, phantastischer Begebenheiten, lustiger Lieder und aufregender Abenteuer: Das Waisenkind James wird irgendwo im südenglischen Hügelland von seinen widerlichen Tanten schlimm gequält, bis eines Tages Zauberkräfte einen Pfirsich und ein paar sympathische Insekten riesig groß geraten lassen - was im Film verkürzt und beinahe unverständlich wird. James krabbelt zu ihnen in den Kern der Frucht, und es beginnt eine Land- und See- und Luftreise, deren Gefahren schließlich in einer Konfettiparade in New York ihr Ende finden.

    Regisseur Henry Selick nutzt verschiedene filmische Techniken, um dieser Vorlage gerecht zu werden. Anfang und Ende sind als stark stilisierte Live-Action aufgenommen, die Pfirsichfahrt als klassischer Stop-motion-Trick, und manchen Szenen half Computeranimation zusätzlich auf die Sprünge. Am schönsten geraten sind dabei die Charaktere, die Gestaltung der Insektenpuppen, ihre Sprache: der sensible Musiker Herr von Heuschreck in Frack und Zylinder, das mütterlich runde Fräulein Marienkäfer, von Hut bis Handtasche mit Punkten übersät, der breitmäulige Proletarier Herr Tausendfuß, der grausam schwäbelnde Regenwurm Herr Würmle und Mademoiselle Spinne mit den verführerisch geschminkten Doppelaugen und dem entsprechenden französischen Akzent.

    Die satirischen und auch die düsteren Momente der Vorlage werden im Film verändert, jedoch nicht eliminiert. So begegnet der Pfirsich im Meer einem Thunfischschwärme verschlingenden und einem Fangschiff ähnelnden Haimonster, das sein zahnradgespicktes Maul aufreißt und als Abfallprodukt je zwei Fischköpfe auf Tellern ausspeit. Oder der Pfirsich kommt der Sonne zu nah, und eine der Möwen aus dem angeleinten Schwarm verwandelt sich ohne weitere Kommentierung in ein fliegendes Brathähnchen. Wortwechsel über "suizidales Insektizid" oder ein apokalyptisch aus den Augen glühendes Rhinozeros sind auch nicht gerade kindgerecht.

    Zum Ausgleich tritt die Freundschaft zwischen James und den Insekten in den Vordergrund. Warum sie für familiäre Geborgenheit allerdings nach New York müssen, das versteht man nicht. Bei Dahl stehen diese Motive einfach nebeneinander, doch Selick arbeitet sie zur größeren Geschlossenheit des Films so stark heraus, daß ihre Unverbundenheit erst richtig augenfällig wird.

    Copyright: , 25.7.1996

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