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  • Kritik: Mit Anne Frank gegen GettoPathos

    Die Wilson High School in Long Beach (Kalifornien) im Schuldrama «Freedom Writers» ist genauso, wie man sie in Hollywood-Filmen erwartet: Schüler, die keinerlei Respekt vor ihren Lehrern haben, im Klassenzimmer machen, was sie wollen und sich in ethnischen Banden bekriegen.

    Die meisten Lehrer haben längst aufgegeben, ihnen etwas beibringen zu wollen. Nur die neue Englischlehrerin Erin Gruwell (Hilary Swank) will nicht kapitulieren. Mit ungewöhnlichen Methoden schafft sie es, die Schüler zu bändigen und ihr Interesse an Literatur zu wecken. Sie stellt «Das Tagebuch der Anne Frank» dem falschen Getto-Pathos gegenüber, mit dem die Kids ihre negative Einstellung zu Schule und Leben rechtfertigen.

    Zunächst ist Gruwell allerdings genauso hilflos wie die anderen Lehrer. In ihrer ersten Unterrichtsstunde muss sie wegen einer Schlägerei gleich den Sicherheitsdienst rufen. Die Wende bringt schließlich eine rassistische Zeichnung, die in der Klasse die Runde macht. Sie zeigt einen schwarzen Schüler mit extrem dicken Lippen. Da platzt Gruwell der Kragen: Sie erzählt den Kids, dass auch die Nazis Karikaturen von Juden verbreiteten und die Deutschen so auf den Holocaust vorbereiteten.

    Aus den verdutzten Gesichtern der Kids schließt sie, dass diese keine Ahnung vom Genozid an den Juden haben. Hier hat der Film eine seiner stärksten Szenen: Die Lehrerin fragt die Jugendlichen, wer von ihnen schon einmal eine Schießerei erlebt hat, jemanden in einem Bandenkrieg verloren hat oder die neuesten Gangster-Rap-Platten kennt. Jeweils meldet sich ein Großteil der Klasse. Als sie jedoch fragt, wer weiß, was der Holocaust ist, bleiben alle Arme unten.

    Also beschließt Gruwell, den Schülern «Das Tagebuch der Anne Frank» lesen zu lassen, um ihnen zu zeigen, was Verfolgung und täglicher Kampf ums Überleben wirklich bedeutet. Ihre Gedanken sollen die Schüler in einem Tagebuch niederschreiben. So entstand die Vorlage für den Film, das Buch «The Freedom Writers Diary». Der Film beruht nämlich auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1994, zwei Jahre nach den schlimmsten Rassenunruhen, die Los Angeles je erlebt hat.

    Diese Authentizität unterscheidet «Freedom Writers» von zahlreichen Filmen gleichen Strickmusters, wie etwa «Dangerous Minds» mit Michelle Pfeiffer (1995). Der Zuschauer kann sich so auch mit Klischees arrangieren, die bei einem fiktiven Film unglaubwürdig wären: So nimmt Gruwell zwei Nebenjobs an, um den Schülern Bücher kaufen zu können, die die Schulbibliothek nicht herausrücken will.

    Doch trotz der realen Grundlage wirken einige Plotwendungen arg überzogen: Der schnelle Wandel einiger Schüler vom knallharten Gangster zu Lehrers Liebling ist kaum nachvollziehbar. Der Enthusiasmus, den Swank («Million Dollar Baby») ihrem Part zu Beginn verleiht, wirkt etwas zu naiv.

    Insgesamt überzeugt Swank jedoch mit ihrer Charakterdarstellung und ist damit neben der realen Vorlage der größte Trumpf von Regisseur Richard LaGravenese, der bislang vor allem mit Drehbüchern bekannt wurde («Die Brücken am Fluss» (1995), «Der Pferdeflüsterer» (1998)). In Deutschland hat der Film erschreckende Aktualität: Vor dem Magdeburger Landgericht müssen sich derzeit mehrere mutmaßlich Rechtsradikale verantworten, die im Stil nationalsozialistischer Bücherverbrennungen eine Ausgabe von «Das Tagebuch der Anne Frank» verbrannt haben sollen.

    Axel Büssem, dpa

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