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  • Kritik: Michael Moore als «Rächer der Versehrten»

    Er hat gegen den Waffenwahn seiner Landsleute gewütet («Bowling for Columbine») und gegen die Lügen der Bush- Regierung («Fahrenheit 9/11») gekämpft. Nun holt Michael Moore zu einem neuen Schlag aus.

    Der erfolgreichste Dokumentarfilmer aller Zeiten setzt in «Sicko» das Skalpell an das Gesundheitssystem der USA: Wie immer laut polternd, polemisch und durchaus unterhaltsam. Doch «Sicko» (nach dem englischen Wort sick/krank), hat für europäische Augen nicht die thematische Brisanz der vorigen Filme, die dem Politaktivisten unter anderem einen Oscar und die Goldene Palme des Festivals von Cannes eingebracht haben.

    Die Tatsache, dass viele Amerikaner nicht krankenversichert sind und die medizinische Versorgung nur unter kommerziellen Aspekten betrieben wird, erzeugt hierzulande kaum persönliche Betroffenheit, geschweige denn Wut. «Sicko» funktioniert in Ländern mit einem besser funktionierenden Gesundheitssystem eher anders herum: Der deutsche Zuschauer freut sich darüber, dass er trotz Praxisgebühr und Arzneimittelkosten überhaupt noch so gut und günstig versorgt wird.

    Das US-System sei «unmoralisch» und «barbarisch», findet der 53 Jahre alte Moore in seiner Rolle als «Rächer der Versehrten». Und so lässt er hilflose Patienten über absurde Klauseln der Versicherungen berichten und schildert den privaten Bankrott eines Ehepaares, das die Arztkosten nach Herzinfarkt und Krebserkrankung nicht bezahlen konnte.

    Den größten Treffer landet er mit schwerkranken Helfern nach den Terroranschlägen in New York. Weil sie sich als Freiwillige an den Bergungsarbeiten in den Trümmern beteiligt hatten, kommt niemand für die Kosten der durch giftige Dämpfe und Staub verursachten Krankheiten auf. Unterstützung holt sich Moore in Kanada, Frankreich und Großbritannien. Mit fassungslosem Staunen erfährt er, dass dort - angeblich - jeder kostenlos und gut behandelt wird.

    Pure propagandistische Satire

    Dramaturgischer Höhepunkt von «Sicko» ist eine Reise nach Kuba. Moore versucht, per Schiff das amerikanische Gefangenenlager Guantánamo Bay auf der Karibikinsel zu erreichen, an Bord eine Gruppe von 9/11-Patienten. Sie sollen sich in dem Lager behandeln lassen, weil die medizinische Versorgung der - womöglich gefolterten - Terrorverdächtigen in Guantánamo besser sei als die der Rettungshelfer in den USA. Das klappt natürlich nicht. Stattdessen erleben Moores kranke Schützlinge eine luxuriöse Versorgung in den Kliniken des von den USA boykottierten kommunistischen Kuba... Spätestens jetzt wirkt Moores Kreuzzug für die Kranken nur noch zynisch. «Sicko» ist pure propagandistische Satire.

    Zu den immer lauter geäußerten Vorwürfen, er würde sein dokumentarisches Material manipulieren und im Detail auch vor Fälschungen nicht zurückschrecken, vermeidet Michael Moore jede konkrete Stellungnahme. «Es gibt mittlerweile eine Industrie mit Anti-Michael-Moore-Filmen», meinte er im Mai in Cannes, wo «Sicko» außer Konkurrenz lief. «Ich wünschte, ich wäre Sponsor eines Anti- Michael-Moore-Festivals und könnte die Preise selbst vergeben.»

    dpa

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