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  • Kritik: "Menschenkind": Aufwühlendes Sklavendrama

    Ein alleinstehendes Holzhaus in Ohio im Jahr 1873: Hier wohnt Sethe, seit sie der Sklaverei auf der Plantage "Sweet Home" entkommen ist, mit ihrer Tochter Denver. Eines Tages kommt Paul D hinzu, der ebenfalls vor 18 Jahren Sklave auf "Sweet Home" war.

    In beiden keimen Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft, doch die Schatten der Vergangenheit holen sie wieder ein. Die Literatur-Nobelpreis- trägerin Toni Morrison erzählt im nun verfilmten Roman

    von dem Niemandsland, in dem sich die Generation der befreiten Sklaven zurechtfinden mußte.

    In dem fast dreistündigen (170 Minuten langen) Film, der am 15. April anläuft, bekommt das Grauen der Vergangenheit nach und nach in Rückblenden ein Gesicht und drückt die Zuschauer auf ihren Kinosesseln nieder. Regisseur Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer") zeigt mit diesem Meisterwerk einmal mehr, was Film leisten kann, wenn er nur den Mut hat, den nicht gehörten, den kaum auszusprechenden Worten Bilder zu geben.

    Und Jonathan Demme traut sich einiges: Die Bewohner des Holzhauses leben mit einem Geist, der Dinge nach ihnen wirft und die Räume in rotes Leuchten taucht. Mit gemischten Gefühlen sieht man Sethe, hervorragend gespielt von Amerikas Talk-Königin Oprah Winfrey, ihre verlorene zweite Tochter willkommen heißen. Denn diese ist schon lange tot, und der jungen Schönheit Menschenkind (Thandie Newton) rinnt Speichel aus dem Mund. Sie schmiegt sich an wie ein Kätzchen, erfüllt das Haus mit grauenhaften Lauten, und tritt schließlich nackt und schwanger vor eine Menschenmenge.

    Wie Perlen eines Rosenkranzes, Stück für Stück von der Hand befühlt, läßt der Film Sethe erzählen. Sie sagt Paul D (Danny Glover), was mit ihr auf "Sweet Home" geschah, und fragt, warum selbst ihr Mann sie auf ihrer Flucht aus dem Inferno alleinließ. Ihre Liebe sei zu stark, erwidert Paul D. Keine Ahnung, sagt Sethe und entscheidet sich bedingungslos für ihre zurückgekehrte Tochter. Doch das Glück zerrinnt ihr zwischen den Fingern. Die jüngste Tochter Denver (Kimberly Elise) überwindet eines Tages ihre Lebensangst und tritt vor das Haus, um für sich und die Mutter zu sorgen.

    Dieser Frauenfilm erzählt in der Tradition der "oral history". Perle für Perle werden die Worte anderer lebendig, die Sethe einen Halt geben. Da ist zum Beispiel Großmutter Baby Suggs (Beah Richards), die zu den befreiten Sklaven im Wald predigte. Perle für Perle werden unzählige Details ausgelotet. Da ist der Gesichtsausdruck von Paul D, als er Limonade auf dem Jahrmarkt kostet. Da ist die Kopfbewegung, mit der die Großmutter ihre Enkelin tröstet. Kameramann Tak Fujimoto fängt Wasser, Blätter und Licht in Aufnahmen von großer Schönheit ein.

    Jonathan Demmes Genauigkeit hat nichts Penetrantes, ist nicht ermüdend, will nicht mit einer besonders originellen Interpretation imponieren. Die Bilder machen neugierig: Schaut, sucht, entdeckt selbst, wie lebendig die Vergangenheit sein kann. Dieses Kapitel aus der Geschichte der Afro-Amerikaner bleibt eingebettet in ihre eigene Kultur. Weiße Zuschauer können versucht sein, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, zum Beispiel über der Gestalt von Menschenkind. Dies sind nicht die Dinge, die in den Geschichtsbüchern stehen.

    Der Film wird die eigenen Ansichten über Sklaverei und Rassismus prägen, egal, was man darüber schon wußte. Im Gedächtnis bleiben wird Großmutter Baby Suggs, wie sie die Gemeinde zu sich ruft: "Kinder, laßt eure Mütter hören, wie ihr lachen könnt! Männer, zeigt euren Frauen, wie ihr tanzen könnt! Frauen, weint, um die Lebenden und um die Toten!"

    Bianka Piringer, AP

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