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  • Kritik: Melodramatische Wendesatire

    Die DDR ist geschrumpft. Nach der Wende überlebt sie in einer Ostberliner Plattenbauwohnung. Eine kleine sozialistische Insel, restauriert für die Mutter, die am 40. Jahrestag der DDR nach einem Herzinfarkt ins Koma fiel und acht Monate später wieder erwacht ist.

    Draußen tobt nun der Kapitalismus, es wird konsumiert und abgewickelt. In Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin!" vermischen sich Wendesatire und Familienmelodram zu einer überraschenden Tragikomödie.

    Im Schlafzimmer von Christiane Kerner (Kathrin Saß) ist die Scheinwelt noch im Ordnung. An ihrem Krankenbett bringen "Junge Pioniere" gegen angemessene Honorare das Geburtstagsständchen. Vor ihrem Fenster entrollt sich aus heiterem Himmel eine imposante rote Flagge. Das hat Sohn Alex (Daniel Brühl) nicht inszeniert. Es handelt sich vielmehr um die unvorhergesehene Provokation des Klassenfeindes: eine gigantische Coca-Cola-Werbung.

    Für Erklärungsnotstände dieser Art springt der Schwarze Kanal in die Bresche, genial gefälscht von Alex und seinem Freund Denis (Florian Lukas). Das nachgestellte Original-Ostfernsehen ist die Säule des DDR-Fakes. Die Parodien der Propaganda, die Fälschung der Nachrichtenfälschung sind die satirischen Highlights dieses Films. Die Jungs setzen um, was Eduard von Schnitzler nicht mehr vergönnt war, nämlich die Öffnung der Mauer zur Massenflucht Kapitalismus- geschädigter Westler in die DDR umzuinterpretieren.

    "Wie wir in unseren Fernsehnachrichten Geschichte fälschen, ist großartig", sagt Daniel Brühl. "Aber es ist nur eine Komponente dieses Films, der auch eine starke emotionale Seite hat. Am stärksten berührt hat mich, dass es eine Geschichte über eine Mutter und ihr Kind ist. Ich spiele einen Sohn, der aus Liebe zu seiner Mutter lügt." Weil die Mutter einen zweiten Herzinfarkt nicht überleben würde, will Alex sie vor dem Wende-Schock bewahren.

    Dabei ist die von gelungener Situationskomik begleitete DDR- Rekonstruktion auch ein Versuch, ein Stück Kindheit und Jugend zu konservieren. "Good Bye, Lenin" erzählt vom Erwachsenwerden, Abschiednehmen von vertrauten Dingen und Selbstfindung. So offenbart sich schließlich die Tragödie hinter der Satire. Auch Alex' Mutter hat den Schein gewahrt, um sich und ihre Kinder zu schützen. Diese DDR-Lüge hatte schon Ende der Siebziger begonnen, nachdem der Vater nicht von einer Dienstreise aus dem Westen zurückgekehrt war. Damals war Christiane Kerner zusammengebrochen, um sich dann als engagierte DDR-Bürgerin wieder ins System einzugliedern.

    "Das ist erstmals eine Geschichte, die ernsthaft beschreibt, wie es Menschen ergangen ist, die an das System geglaubt haben", erklärt Kathrin Saß. Dass die zu DDR-Zeiten erfolgreiche Defa-Schauspielerin in Beckers Film eine Sechzigjährige spielen sollte, war Kathrin Saß nicht geheuer. Überzeugt hat sie das Drehbuch von Bernd Lichtenberg. Daniel Brühl, der bei der Lektüre erklärtermaßen Tränen gelacht und geweint hat, hatte nur Angst vor sentimentalen Ausrutschern: "Das zu vermeiden, war eine große Leistung von Wolfgang Becker." So kommen in "Good Bye, Lenin!" Satire und Melodram zusammen wie Spreewald- Gurken und Burger King, Original und Fälschung.

    Ricarda Schrader, dpa

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